Von Deutschland nach Luxemburg

Um Schönheit zu finden, muss man nicht weit reisen

Während unserer ersten beiden Radfahrwochen, durften wir mal wieder eines neu lernen: Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und die Schönheit ist oft unweit der eigenen Haustür zu finden.

Am ersten Tag ging es von Wesel nach Wetter, um dort noch eine Nacht im Warmen zu verbringen. Wer nun unsere Route auf Strava verfolgt hat, mag sich fragen, ob wir zu tief ins Abschiedsbier geguckt haben, oder warum wir in solchen Schlangenlinien von hier aus weitergefahren sind. Tatsächlich waren wir stocknüchtern bei unserer Entscheidung. Denn wir konnten wählen: Möglichst direkt fahren, um sich so schnell wie es geht aus den bekannten Gefilden zu entfernen, auch wenn das heißen würde „Ruhrpott“ pur und einmal Querbeet durch gefühlt die Hälfte aller Ruhrgebietsstädte zu radeln – und das meist ohne vorhandene oder zumindest vernünftige Radwege. Oder ganz entspannt dem Ruhrtal-Radweg bis zum Rhein folgen und sich um den Weg oder den Verkehr keine Gedanken zu machen.

Wir haben die zweite Option gewählt und sind auch im Nachhinein sehr froh darüber. Denn wenn wir uns schon auf eine solche Reise begeben, so wollten wir nicht schon zu Beginn in Stress verfallen, nur um so schnell wie möglich in unbekannte Gefilde zu gelangen. Stattdessen haben wir die Zeit genutzt unsere Heimat einmal mit vollkommen anderen Augen zu betrachten. Denn wenn einem bewusst ist, dass man etwas für eine lange Zeit nicht wiedersehen wird, nimmt man Dinge viel intensiver und anders wahr. Und so durften wir feststellen, wie wunderschön es schon bei uns vor der eigenen Haustür ist. Selbst wenn es sich dabei um das Ruhrgebiet handelt. In Hattingen mussten wir sogar zugeben, dass wir, hätten wir diese Landschaft in einem anderen Land gesehen, vermutlich zahlreiche Fotos geschossen oder sogar Aufnahmen mit der Drohne gemacht hätten, eben weil die Gegend so schön war. Haben wir dann aber nicht, denn: Irgendwie gehörte das alles ja noch zur Heimat und so was muss man dann ja nun wirklich nicht fotografieren. Wer zu Hause wäre schließlich von einer Aufnahme aus Hattingen begeistert?

Auf der anderen Seite kann man natürlich auch nicht wegdiskutieren, dass einiges selbst mit der rosaroten Abschiedsbrille wirklich und bei aller Liebe nicht schön ist. Vom Ruhrtal-Radweg ging es dann auf den Rhein-Radweg. Denn dem Rhein wollten wir erst mal so lange folgen, bis wir ausbaldowert hatten, wo wir denn überhaupt hinfahren wollten. Seit unsere Osteuropapläne in Trümmern lagen, fuhren wir diesbezüglich ziemlich auf Sicht. Also bogen wir zum Rhein ab und hier war an schön nicht mal mehr zu denken. Wer auch immer sich die Wegführung des Radweges durch Duisburg ausgedacht hat, hatte sich vermutlich vorgenommen, dass es einmal sämtliche Vorurteile, die es bzgl. Duisburg so gibt, zu bestätigen galt. Dieser Plan ging definitiv auf. Und auch an dieser Stelle hätten wir in einem anderen Land vermutlich Fotos gemacht, zu Hause hätte einem sonst wohl niemand geglaubt, wie das da ausschaut. Und so verabschiedete uns das Ruhrgebiet in seinem vollen Glanz.

Doch schon schnell beruhigt sich die wilde Industriekulisse auch wieder und weicht weiten Feldern, einem Deich und immer wieder Orten, welche die Szenerie vor einer Eintönigkeit bewahren. Da wir keine Stadtmenschen sind, müssen wir sagen, dass wir großen Städten wie Düsseldorf oder Köln wenig abgewinnen können, wobei wir die Verlockung im Sonnenschein mit einem kalten Getränk am Ufer zu sitzen durchaus nachvollziehen können. Für uns wird es jedoch erst wieder so richtig schön, als die Landschaft zu beiden Seiten des Rheins beginnt sich gen Himmel zu schieben und die ersten Hügel und Berge mit Burgen und Schlösschen – oder auch nur Häusern, die wie solche aussehen – auftauchen. Die Orte werden kleiner und als Ruhrpottler mit unserem natürlich perfekten Hochdeutsch hören wir sogar schon die ersten Dialekte heraus. Nun fühlt man sich schon deutlich weiter weg, dabei ist man im Grunde noch immer so nah. Aber nach einer Woche mit dem Rad wirken Distanzen bereits vollkommen anders auf uns. Da sind 60 km nicht mal eben eine Stunde, sondern eher ein ganzer Tag. Und zwar ohne Gegenwind.

Bei Koblenz verlassen wir den Rhein und folgen der Mosel. Ein Unterfangen, bei dem wir uns zunächst etwas unsicher sind. 2020 wollten wir bereits einmal mit den Rädern hier entlang, waren dann aber doch bis nach Stuttgart gedüst, da wir bei der geografischen Beschaffenheit Sorge hatten, dass wir unser Zelt nicht ohne Ärger oder Probleme aufgebaut bekommen, schließlich zelten wir in aller Regel wild. Und dort ist es recht begrenzt durch die Weinberge an den Seiten, den kleinen Ortschaften, dann noch Straße und Bahngleisen und die Mosel muss ja auch noch irgendwo hin. Dazwischen Campingplätze oder Gasthäuser. Aber jetzt wollten wir es dann doch versuchen und wir sind froh, dass wir es gemacht haben. Uns hat die Gegend wirklich sehr beeindruckt. Und das obwohl im Grunde alles braun war. Denn da die steilen Hänge allesamt mit Weinreben bepflanzt sind und somit wenig bis gar kein Platz für zumindest grüne Wiesen bleibt und die Bäume noch keine Blätter trugen, erinnerte farblich alles doch sehr an den Eiche-Rustikal-Schrank von Oma. Und doch hat diese Gegend ihren ganz eigenen Zauber. Besonders da wir deutlich vor Saisonstart unterwegs waren, lagen die malerischen Dörfchen ruhig und verlassen da. Eine Nacht verbrachten wir weiter oben auf einem Hang in einem Gemüsegarten von einem Ehepaar und als wir uns am nächsten Morgen bei -1°C aus dem Zelt schälten, der Tag hereinbrach, man weiter unten den Rauch über den Schornsteinen des Dorfes aufsteigen und weiter oben eine mächtige Burg thronen sehen konnte, wohnte diesem Moment ein echter Zauber inne, den man als Erwachsener nicht mehr allzu oft erlebt. Im Sommer muss es daher zumindest von der Landschaft ein wahrer Traum sein mit den grünen, steilen Hängen, den reifen Trauben, der blauen Mosel und den Burgen und Schlössern. Wie es dann natürlich von den Menschenmengen her aussieht, können wir nur schwer beurteilen. Aber der Moselsteig, der sich dort durch die Weinberge zieht, ist definitiv auf unsere Bucketlist gewandert.

Der Mosel folgten wir bis nach Luxemburg. Bis hier her wussten wir nichts über dieses Land, nicht einmal, was denn hier eigentlich die Amtssprache ist. Ich hatte nicht mal eine genaue Vorstellung, was ich denn von diesem Land so erwarte, denn irgendwie hatte ich es einfach nie auf dem Schirm. Es war da, aber mehr auch nicht. Ich kannte nicht einmal jemanden, der schon mal dort gewesen ist (außer vielleicht zum Tanken). Umso überraschter waren wir. Es ist ein wirklich wunderschönes Land. Eine schöne, hügelige Landschaft mit saftig grünen Wiesen und kleinen, versprenkelten Bauernhöfen. Die Ortschaften bestehen teils nur aus wenigen Häusern und entsprechend wenig ist auf den Straßen los. Es herrscht wenig Verkehr und die Leute, die man trifft, sind entspannt und freundlich und gerne bereit zu helfen. Außerhalb der Orte wechseln die Felder und Wiesen sich mit kleinen Wäldern ab. Es gibt Felsen, die zum Bouldern einladen und irgendwo ist immer zumindest ein kleiner, glasklarer Bach zu finden. Man merkt es vielleicht, aber wir waren und sind wirklich verliebt in dieses kleine Land, das uns so überrascht hat. Im Nachhinein ärgert sich Henning ein wenig, dass er so schnell von dort weiterwollte und sagt, dass wir doch meine Idee hätten umsetzen und einmal komplett von Süd nach Nord auf der Ostseite und auf der Westseite in die andere Richtung hätten Radeln sollen. Aber irgendwie drängte in dem Moment dann doch der Wunsch sich zumindest von der Luftlinie etwas weiter von zu Hause zu entfernen. Und so rollten wir weiter durch Belgien nach Frankreich.

Doch bis heute sagen wir, – und wir sitzen nun immerhin schon bald einen Monat im Sattel – dass unsere schönsten Radfahrtage auf dieser Tour bisher in Luxemburg waren. Wir sind gespannt ob und wenn ja, wann und von welchem anderen Land bzw. welcher anderen Region dieses Land abgelöst wird.

10 Gedanken zu “Von Deutschland nach Luxemburg

  1. So ein schöner Bericht… Man fühlt sich quasi direkt an eurer Seite. Luxemburg ist auch auf meiner Liste. Und möchte das in nächster Zeit mal mit dem Motorrad durchqueren. Also immerhin auch auf zwei Rädern. Wünsche euch weiterhin viel Spaß und nicht allzu viele Platten bitte.
    Wollte noch fragen ob es die Armbänder die ihr bastelt auch eventuell In einer anderen Farbe gibt. Zum Beispiel ein kräftiges Blau oder rot. Erst mal aber… Radel gut!🙋🏼‍♀️

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    1. Hallo Bianca,
      Danke für die lieben Worte. ☺️ Da ich selber auch Motorrad gefahren bin, bin ich mir ziemlich sicher, dass Du Deine Freude in Luxemburg haben wirst. Wir wünschen Dir schon mal viel Spaß!
      Eigentlich gibt es die Armbänder tatsächlich nur in schwarz. Vielleicht erweitern wir die Palette irgendwann und fragen mal nach, ob es ein, zwei Farben gibt, die gewünscht werden, aber erst Mal gibt es tatsächlich nur die Schwarzen.
      Ganz liebe Grüße 🚴🏽‍♀️🚴🏼‍♂️

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  2. Wow Marielle,
    der Beitrag ist wieder super geworden und lässt sich wunderbar! 😊 Es ist schön, eure Eindrücke so mitverfolgen zu können!
    Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Spaß 🥳

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