Unsere ersten Tage in Frankreich

Von der Grenze bis Paris

Frankreich begrüßte uns kühl und mit Gegenwind. Trotzdem konnten wir nicht umhin fasziniert zu sein, wie unmittelbar sich die Dinge ändern, nur weil man über eine unsichtbare Linie gefahren ist. Denn grade in Europa ist das schöne, dass man Grenzen kaum noch mitbekommt. Alles, was uns darauf hinweist, ist das typische blaue Schild mit den 12 Sternen und dem Wort „France“ in der Mitte. Das war es. Keine Grenzstation, keine Kontrolle, kein gar nichts.

Und doch bemerkten wir die Veränderung sehr schnell. Nicht an der Landschaft, die nimmt sich von willkürlich gezogenen Grenzen wohl am wenigsten an, aber an dem, was mit den Menschen zu tun hat. Schon das erste Dorf hinter der Grenze sieht vollkommen anders aus, als noch im vorherigen Land. Für uns sieht es typisch französisch aus, wenn man das so sagen kann. Viele Steinhäuser mit den typischen Fensterläden und dem obligatorischen Zaun oder der obligatorischen Mauer um das Grundstück herum. Und durch das Dorf ziehen sich viele Kabel, die hier noch oberirdisch verlegt sind.

Im Supermarkt zeigt es sich dann jedoch noch deutlicher, dass wir ein neues Land erreicht haben. Die Regale sind voll mit spannenden Käsesorten, die man bei uns in Deutschland nur in ausgewählten Märkten finden würde. Meinen geliebten Rotkohl suche ich vergebens, dafür muss ich beim Anblick der Wartenden an der Kasse innerlich lachen: Jeder einzelne trägt mindestens ein Baguette im Arm. So viel zu den Vorurteilen.

Einen weiteren Griff in die Klischeekiste landen wir, als wir an einer Autowerkstatt halten, um unseren Reifendruck zu überprüfen. Wir beide verlieren aufgrund der enormen Zuladung über die Tage immer ein wenig Luft. Der Mechaniker, der uns aus der Werkstatt entgegenkommt trägt ein Béret… oder eine Baskenmütze. Ich habe versucht zu recherchieren, was genau es gewesen ist, aber bei meinem modischen Unwissen war das, wie einem Blinden was von der Farbe zu erzählen. Es war jedenfalls die für uns typisch französische Kopfbedeckung und wir hatten unseren Spaß so früh jemanden damit getroffen zu haben.

Da der Mechaniker, so wie sehr viele der Franzosen, die wir inzwischen treffen durften, kein Englisch (und auch kein Deutsch) konnte, verständigten wir uns mit Händen und Füßen und waren genauso erfolgreich wie, wenn wir die selbe Sprache gesprochen hätten.

Mit prall gefüllten Reifen rollten wir also weiter. Von der Grenze sollte es nach Paris zum Eifelturm gehen. Mein Neffe hatte uns gefragt, ob wir ihm ein Foto vom Eifelturm schicken könnten und da wir Zeit und für Frankreich auch absolut keinen Plan hatten, wollten wir ihm diese Freude machen.

Für uns ging es zunächst durch die Champagne. Über diese Region Frankreichs hatten wir in Deutschland leicht gegensätzliche Empfehlungen von anderen Radfahrern, die dort gewesen waren, bekommen. Nämlich, dass wir „auf jeden Fall dorthin fahren“ müssen, weil es wunderschön und faszinierend sei“ und, dass wir „da bloß nicht herfahren“ sollen, es sei „landschaftlich total öde und sehr eintönig“. Wenn man nicht weiß, wem oder was man glauben soll und man die Möglichkeit hat, sollte man sich ein eigenes Bild machen. Und genau das machten wir.

Natürlich haben wir nicht alles von der Champagne gesehen. Aber wir strampelten dort doch so einige Kilometer entlang und konnten uns zahlreiche Tage ein Bild von dieser Region Frankreichs machen. Wer mit seiner Empfehlung für uns letztendlich Recht hatte, ist schwer zu sagen. Denn zum einen ist es natürlich subjektives Empfinden, was einem gefällt und zum anderen ist die Champagne eine wirklich große Region, die im Norden vollkommen anders aussieht als im Westen oder im Süden. Der Westen Nordrhein-Westfalens sieht schließlich auch anders aus als dessen Osten und der Norden Bayerns unterscheidet sich deutlich von dessen Süden.

Zunächst waren wir etwas erschlagen von der Region. Wir kamen im Agrarbereich an und radelten so einige Tage ausschließlich durch Felder. Aber nicht solch kleine Felder, wie wir sie von zu Hause kennen. Die Felder waren so groß, dass beispielsweise ein einziges von ihnen zeitgleich von drei Traktoren bestellt wurde. Und dadurch, dass die Gegend so hügelig war und wir strahlenden Sonnenschein hatten, konnten wir Kilometer weit blicken. Und alles was wir sehen konnten, waren Felder und nichts als Felder in diversen Braun- und Grüntönen. Zwischendrin wuchsen wie zu groß geratene Pflanzen Windräder aus dem Boden und vielleicht konnte man auch noch ein einzelnes Dorf ausmachen. Diese Größe und Weite war schon sehr beeindruckend. Allerdings war es nach einigen Tagen dann auch schon etwas eintönig, immer nur Felder zu sehen.

Aber schließlich erreichten wir Châlons-en-Champange und damit für uns einen neuen Abschnitt in der Bretagne. Ab hier änderte sich die Landschaft für uns, denn wir hatten in der Stadt auf der Suche nach einer Radfahrkarte einen Radweg entdeckt und konnten auf diesem nun ganz entspannt und vor allem zunächst flach Richtung Paris neben der Marne radeln, in die der Kanal schließlich überging.

Plötzlich rollte es nur so. Nicht nur, weil es flach war, sondern auch, weil außer uns scheinbar kaum jemand anderes auf dem Weg unterwegs war. Vor allem wunderten wir uns, dass wir keine anderen Radreisenden trafen, da es sich hierbei offensichtlich um einen ausgewiesenen und sehr gut gepflegten Radweg handelte. Und dann kam der Tag, an dem wir Philippe trafen und der unsere weitere Reise noch beeinflussen würde.

Wir waren seit etwa einem Tag in dem Bereich der Champagne angekommen, in dem auch tatsächlich Reben für die Herstellung von Champagner angebaut wurden. Landschaftlich ähnlich der Mosel und doch wieder ganz anders. Kurz nach dem morgendlichen Start mussten wir einen Zwischenstopp einlegen, um uns mit Sonnencreme die Gesichter einzuschmieren, als plötzlich ein Mann ebenfalls mit Fahrrad und einigem an Gepäck angeradelt kam. Philippe, Franzose, offensichtlich ein Randreisender und glücklicherweise dem Englischen mehr als mächtig. So quatschen wir ein wenig und kamen natürlich auch darauf zu sprechen, wo wir denn hin wollten. Auf unsere Aussage, dass wir nach Paris wollten, sagte er: „Ah schade, ich habe ein Haus in Paris. Ihr hättet bei mir bleiben können. Allerdings fahre ich grade nach Châlons-en-Champange.“ Das war genau die entgegengesetzte Richtung. Er wollte das gute Wetter nutzen und war deswegen mit dem Rad aufgebrochen, um ein Glas Champagner zu trinken und dann wieder zurückzufahren. Wir tauschten trotzdem Nummern aus und sagten, dass wir in Kontakt bleiben würden. Schließlich würden wir bis Paris noch eine Weile brauchen und Philippe sagte, vielleicht sei er ja auch früher zurück als gedacht. Man wisse ja nie. Und dann radelten wir alle wieder unserer Wege.

Die letzten Tage nach Paris erwiesen sich als leichter Krampf. Hatten wir vorher so von dem Radweg an der Marne geschwärmt, hatten wir nun das Gefühl diesen irgendwo verloren zu haben, denn wir hingen in den Weinhügeln und konnten von dort aus den Fluss immerzu sehen. Allerdings scheiterte jeder unserer zahllosen Versuche dorthin wieder zurückzukehren und weiter zu fahren. Jedes Mal landeten wir in irgendwelchen Sackgassen oder unbefahrbaren Feldwegen und Trampelpfaden. Dass wir immer noch keine Radfahrkarte hatten und Google Maps jeden kleinen Tierpfad als gut ausgebauten Weg darstellt, hat auch nicht geholfen.

Und wieder ein Weg, der sich als Sackgasse erweist. Zwar eine schöne Sackgasse, aber nerven tut es trotzdem langsam.

Und so bammelte uns an dem Morgen, an dem wir uns auf die Räder schwangen und wussten, dass wir heute definitiv in die Innenstadt Paris fahren würden, doch ordentlich vor der Wegführung und dem Verkehr dieser riesigen Stadt. Denn nicht nur die bisherigen Erfahrungen mit Google Maps, sondern auch die Erfahrungen mit größeren Städten in Frankreich und wie wenig bei deren Verkehrsplanung auf Fahrradfahrer Rücksicht genommen worden war, hatten große Bedenken in uns geweckt.

Vielleicht war das mit dem Rad nach Paris doch nicht so schlau? Wir würden es herausfinden.

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