Unser Großstadterlebnis

Und plötzlich standen wir nachts ohne Fahrräder in einer belebten engen Gassen, durch die die Menschen schlenderten, ab und an ein Auto durchzukommen versuchte und das Ganze herrlich von diversen Essensgerüchten aus den unzähligen Restaurants und Imbissen untermalt wurde. Wir waren in Paris und zwar mittendrin.

Unsere Fahrt hierher verlief tatsächlich reibungslos. Da hätten wir uns vorher gar keine Gedanken machen müssen. Denn sobald wir den äußeren Rand von Paris und damit die Vororte erreicht hatten, gab es wieder einen wunderbaren Radweg an der Marne entlang. Dieses Mal hatten wir diesen allerdings nicht ganz für uns. Ganz im Gegenteil, Fußgänger, Läufer, Hobbyradler und Rennradfahrer tummelten sich dort, um ihren Freizeitaktivitäten nachzugehen. Aber irgendwie funktionierte es reibungslos. Das Zauberwort war hier wohl „gegenseitige Rücksichtnahme“ und sich nicht über alles aufzuregen. Da käme man bei so vielen Leuten auch gar nicht mehr raus aus dem sich-Aufregen.

Und nach einem letzten Anstieg, fuhren wir etwas erhöht auf einem Hügel auf Paris zu und entdeckten ihn endlich: den Eifelturm! Unverkennbar ragte seine Silhouette über den Dächern von Paris auf. Allerdings noch immer reichlich weit entfernt. Und so stürzten wir uns in den echten Pariser Innenstadtverkehr. Zum Glück sind wir lernfähig und passten unsere Fahrweise ziemlich schnell den allgemeinen Gepflogenheiten an:
1. Wer bremst verliert.
2. Rot ist eher eine Empfehlung.
3. Hupen bzw. in unserem Falle Klingeln, wenn man zwar nicht im Recht ist, aber trotzdem durch will.
Wären wir nicht so schwer beladen gewesen, man hätte uns anhand unseres Fahrstils bald für Pariser halten können.

Der Eifelturm ist schon in Sicht. Jetzt galt es nur noch sich durch den Verkehr zu kämpfen.

Fairer Weise muss man aber auch dazu sagen, dass Paris viel für Radfahrer getan hat. Teilweise haben diese eine komplette Fahrbahn nur für sich. Manchmal teilen sie sich eine Fahrbahn mit Bussen und Taxis und dann gibt es auch wieder ganz normale Radwege. Einbahnstraßen gelten eigentlich nur für Autos, denn Fahrradfahrer sind hier per Schild zu 99% ausgenommen. Und wenn man sich mit den Autos vergleicht, ist man einfach um einiges schneller. Es war teilweise sogar so entspannt, dass wir uns eine ganze Weile mit einem älteren Herren, der neben uns auf dem Rad fuhr über unser Vorhaben unterhalten konnten.

Und so kamen wir deutlich früher, einfacher und wohlbehaltener als wir gedacht hätten am Eifelturm an. Und man mag von Großstädten oder Touristenattraktionen halt, was man will, (wir haben da auch unsere Meinung,) aber dieser Turm war einfach nur beeindruckend. Ein riesiges Konstrukt aus Stahl, das hoch über unseren Köpfen aufragt und das man kaum aufs Foto bekommt. Und ringsherum war natürlich die Hölle los. Nachdem wir nun drei Wochen im Grunde nur mit uns in der Natur fern ab von vielen Menschen verbracht hatten, war das wie eine komplett andere Welt. Erschwerend kam hinzu, dass nicht nur Samstag und wunderschönes Wetter war, sondern dass in der Woche auch fast alle Corona-Beschränkungen gelockert worden waren und sich entsprechend viele Pariser unter die Touristen mischten.

Wir haben den Eifelturm erreicht. Dieser ist allerdings so riesig, dass es gar nicht so leicht war ein Foto zu machen, auf welchem er auch ganz zu sehen ist.

Uns wurde das Ganze ziemlich schnell zu viel, auch weil wir dauerhaft sämtliche unserer Sachen im Blick haben mussten. Daher machten wir uns bald schon weiter auf den Weg, denn wir wollten endlich die bereits mehrfach erwähnte Radfahrkarte finden. In Paris hatten wir gedacht, sollte das ja ziemlich einfach zu bewerkstelligen sein. Als ich jedoch erfolglos aus der dritten Buchhandlung herauskam, stellten wir fest, dass Vorstellung und Realität manchmal doch weiter voneinander entfernt liegen. Glücklicherweise hatte der Verkäufer im letzten Geschäft nachgeschaut, wo man diese in Paris überhaupt bekommen konnte und das waren lediglich drei Geschäfte. Für eine solch große Stadt reichlich wenig wie ich fand. Und so steuerten wir die nächste und zum Glück letzte Buchhandlung an, denn dort wurde ich endlich fündig.

Henning hatte in der Zeit, in der er draußen auf mich gewartet hatte, leider etwas weniger Erfolg gehabt. Eine Taube hatte ihn angekackt. Aber so richtig… Scheinbar essen Pariser Tauben etwas anderes als Deutsche, denn nicht nur Tasche und Jacke waren voll, sondern für den Kopf und Helm hatte es auch noch gereicht. Ein entsprechend gut gelaunter Henning nahm mich in Empfang. Und ich musste nun versuchen keine Miene zu verziehen, sondern stattdessen darauf hinweisen, dass wir bei Agathe und Quentin sicherlich unsere Kleidung waschen und ja auch duschen könnten.

Die zwei hatten wir über die Plattform „Warmshowers“ kennengelernt, welche eine Verbindung von Randreisenden weltweit ist, die sich gegenseitig helfen und eben auch Mal eine warme Dusche anbieten. Und so waren wir auf dem Weg zu den beiden, um mitten in Paris zwei Nächte bei ihnen unterkommen zu können.

Dort angekommen, waren wir uns auf Anhieb sympathisch und verstanden uns sofort richtig gut. Schon beim Transport unserer Räder und unseres Gepäcks in ihr Appartment mussten wir reichlich lachen, weil natürlich weder der Aufzug noch das Appartement für vier Personen plus zwei Fahrräder ausgelegt war. Denn die Räder kamen kurzerhand einfach mit in die 47-Quadratmeter-Wohnung, damit sie nicht geklaut werden konnten. Alles kein Problem. Die beiden waren selber durch Südamerika gereist und waren entsprechend entspannt. Nachdem wir ein wenig gequatscht hatten, drückten sie uns auch schon ihren Schlüssel in die Hand, weil sie an diesem Abend zu einem Konzert wollten. Zack, so einfach geht das alles.

Und nach einer ausgiebigen Dusche zogen wir abends los, um das Abend- bzw. Nachtleben von Paris zu erkunden. Es fühlte sich ganz merkwürdig an frisch geduscht, zu Fuß und ohne Räder und Gepäck unbekümmert herumschlendern zu können. Wir waren wir Schwämme, die sämtliche Gerüche aufsaugten. Besonders beeindruckt waren wir natürlich auch von dem ganzen Essen. Und auch wenn wir Low-Budget reisen, schlugen wir zu und kauften uns einen frischen Crêpes. Natürlich mit Nutella. Und was soll ich sagen: ein Hochgenuss. Und die Franzosen packen den Crêpes auch noch viel cleverer ein als die Deutschen, sodass das Essen viel leichter fällt. Schließlich kehrten wir leicht erschlagen, gesättigt, zufrieden und sehr glücklich zurück ins Appartment und legten uns im Wohnzimmer auf die Klappcouch schlafen.

Am nächsten Morgen bereitete Agathe uns ein typisches französisches Frühstück: Kaffee (natürlich mit der French Press gemacht), Baguette, Croissant und noch ein paar kleine, süßen Teilchen vom Bäcker. Herrlich, kann man nicht anders sagen. Währenddessen unterhielten wir uns ausgiebig und erfuhren so viel über das Leben unserer Gastgeber. Dann zogen wir gegen Mittag mit reichlich vielen Empfehlungen los, um uns Paris anzuschauen. Wieder zu Fuß. Etwas Abwechslung muss schließlich sein. Wir schlenderten durch die Straßen, presste unsere Nasen an Schaufenster von Läden, die unglaubliche Leckereien verkauften und ließen uns treiben.

Die Menschenmassen dabei waren allerdings gewaltig, denn jetzt war Sonntag und noch immer bestes Wetter. Also waren noch mehr Leute unterwegs als noch Tags zuvor. Irgendwann kamen wir durch einen Park in dem man die Wiese nur noch erahnen konnte, da auf jeden Quadratzentimeter jemand saß und die Sonne genoss.

Irgendwann wurde es uns einfach zu viel. Wir stellten wieder fest, dass wir einfach nicht für Großstädte gemacht sind. Überall Menschen, überall Verkehr, der Lärm und natürlich auch der Geruch. Denn nicht überall riecht es lecker nach Essen. Oft riecht es auch einfach nach Abgasen, Dreck oder Urin. Und manche Begrenzungssteine sehen aus, als hätte jeder einzelne Pariser Hund dagegen gepinkelt. Und wenn man selber mal Pinkeln muss, ist das gar nicht so einfach. Es gibt zwar öffentliche Toiletten, aber die betritt man lieber nur im Ganzkörperschutzanzug. Also dümpelten wir zurück zum Appartment, was sich als ganz schöner Gewaltmarsch herausstellte. Wir waren doch weiter gelaufen als gedacht.
(Anmerkung an dieser Stelle: Da wir die ganze Zeit nur Rad fahren und so wenig zu Fuß unterwegs sind, hatte ich von dem bisschen Spazieren am nächsten Tag tatsächlich Muskelkater in den Waden. Ist mir ja fast ein bisschen peinlich.)

Abends kochten wir zusammen mit Agathe für uns alle etwas zu Essen und als Quentin abends aus Disneyland zurück war, quatschen und lachten wir Vier noch reichlich. Es war eine herrliche Zeit und wir haben uns wirklich sehr gefreut, dass wir die Zwei kennenlernen durften. Am nächsten Morgen mussten wir allerdings abreisen, da Agathe im Home-Office arbeiten musste und die 47 Quadratmeter dann einfach zu klein waren.

Allerdings hieß das für uns noch nicht, dass wir uns von Paris verabschieden mussten. Denn wir hatten Kontakt zu Philippe gehalten, den wir auf unserem Weg nach Paris getroffen hatten. Und passender Weise kam er an diesem Tag zurück nach Hause und lud uns nochmals herzlich ein ihn zu Besuchen. Diese Einladung nahmen wir sehr gerne an, denn wir hatten schon bei unserem vorherigen, doch recht kurzen Zusammentreffen gemerkt, dass wir uns prima mit ihm unterhalten konnten.

Und so machten wir etwas, das wir auf unserer Reise eigentlich möglichst vermeiden wollen: Wir fuhren einen Teil der Strecke, die wir gekommen waren, wieder zurück. Gute 30 km. Wie gesagt, Paris ist sehr groß. Unterwegs hatten wir beide einen kleinen mentalen Hänger. Denn wir waren, bevor wir zu Philippe aufgebrochen waren schon 20 km quer durch Paris gejagt, da wir auf der Suche nach einem Ersatzteil für unsere GoPro waren. Leider komplett erfolglos. Zudem war ziemlich schlechte Luft in Paris, sodass sogar auf digitalen Verehrsanzeigen davor gewarnt wurde. Und dann die ganze Zeit der Verkehr und der Lärm. Wir waren einfach komplett fertig. Die Stadt hatte uns mental völlig geschafft.

Absolut fertig und in etwas derangiertem Zustand kamen wir bei Philippe an. Der war zwar noch nicht da, kam aber schon zehn Minuten später mit seinem Rad um die Ecke gebogen und hieß uns in seinem Heim herzlich willkommen.

Es folgten wunderbare Tage. Aus geplanten zwei Nächten wurden fünf. Wir verstanden uns einfach sehr gut und hatten neben dem Radfahren und Laufen (Philippe läuft ebenfalls Ultra) unzählige andere Gesprächsthemen. Von lustigen Unterhaltungen über ernste Themen bis hin zu erhitzten Diskussionen war alles dabei. Besonders schön war, dass wir durch Philippe einen Einblick in das französische Leben bekamen. Er nahm uns mit zum Markt und bekochte uns unzählige Male. Er köpfte den Champagner, den er von seiner Tour mitgebracht hatte mit uns, wir durften französischen Rot- und Weißwein probieren und er brachte uns bei, dass zu einem guten Wein ein Stück Baguette und Käse nicht fehlen dürfen. Außerdem half er uns mit einem Paket bei der Post und fuhr in unzählige Läden mit uns und telefonierte mit Leuten, auf der Suche nach einer Lösung für unsere GoPro. Als dann noch Schnee für den Tag unserer Abreise angesagt war, bestand er darauf, dass wir noch eine weiter Nacht blieben. Er selbst hatte sich bei einem Sturz auf einem vereisten Stück mal die Schulter gebrochen und sagte, dass wir das Risiko uns zu verletzen nicht eingehen sollen. Und so nahmen wir dankend an, sahen dem Schnee aus dem warmen Haus heraus zu wie er auf den Straßen immer mehr wurde und blieben einen weiteren Tag. Dieser fand wie auch schon die vier Tage zuvor mit einem leckeren Abendessen und stundenlangen Gesprächen erst spät ein Ende.

Am nächsten Morgen war es mit vier Grad und Nordost-Wind zwar noch immer eiskalt, aber der Schnee war geschmolzen und so verabschiedeten wir uns von Philippe, um weiter Richtung Bretagne zu fahren. Wir hoffen ehrlich, dass wir diesen wunderbaren Menschen nochmal wiedersehen. Vielleicht sogar unterwegs auf dem Rad.

Wir sind unglaublich froh Philippe kennengelernt zu haben und hoffen ihn irgendwann wiederzusehen.

2 Gedanken zu “Paris

  1. Wieder einmal toll geschrieben. Also Menschenmassen mag ich seit Corona noch weniger, wie vorher. Hatten wir erst letzten Sonntag mit 20.000 Menschen beim Osterräderlauf. Wie unterhaltet ihr euch eigentlich mit den Menschen, sprecht ihr französisch oder in englisch?
    Konnte ihr euer GoPro Problem denn noch mit Philippe lösen?
    Das Armband ist diese Woche auch bei mir angekommen, vielen lieben Dank. Gefällt mir wirklich gut. Achso, nicht vergessen, diese Woche ist eine neue drei ??? Folge rausgekommen (sorry Henning xD).
    Gute Weiterfahrt wünsche ich euch und ich gespannt wie es mit euch weiter geht.

    LG
    Toby

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Toby, vielen Dank. ☺️
      Wir können leider kein Französisch. Hätten wir geahnt, dass wir hier so lange bleiben, hätten wir vermutlich ein bisschen gelernt. So können wir inzwischen nur ein paar Sätze und Wörter. Da wir ursprünglich ja durch Osteuropa zum schwarzen Meer wollten, hatten wir letztes Jahr angefangen russisch zu lernen… Naja, aber irgendwie geht es trotzdem immer. Am besten ist es natürlich, wenn jemand Englisch spricht, dann kann man sich ganz einfach unterhalten. Aber auch sonst geht es irgendwie mit Händen und Füßen und etwas Zeigen und Mimen. Zeichensprache ist ja zum Glück überall recht ähnlich.
      Das GoPro Problem konnten wir mit Philippe leider nicht mehr lösen, haben uns aber inzwischen zum Glück auf anderem Wege geholfen und jetzt können wir sie auch wieder sorgenfrei mit ins Wasser nehmen. (Wir haben einfach statt dem nicht zu finden Ersatzteil eine zusätzliche Schutzhülle gekauft.)
      Super, dass Dir das Armband gefällt, das freut uns sehr!
      Und vielen Dank für den Hinweis mit der neuen die drei ??? Folge, das ist tatsächlich an mir vorbeigegangen! Da weiß ich schon mal, was heute Abend gemacht wird. 🤭
      Liebe Grüße

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s