Von Paris in die Bretagne

Nachdem der Schnee in der Nacht vom 1. auf den 2. April glücklicherweise geschmolzen war und nur noch vereinzelte Reste auf den Autos an den weißen Aprilscherz erinnerten, sammelten wir unsere sieben Sachen, die wir nach bestem Wissen und Gewissen in Philippes Haus verteilt hatten, zusammen und beluden die Räder. Draußen verabschiedeten wir uns von Philippe, schwangen uns auf die Räder und fuhren erneut Richtung Eifelturm, um Richtung Bretagne zu düsen.

Mit düsen war allerdings erst mal nicht so viel. Paris schien uns einfach nicht gehen lassen zu wollen. Wir mussten uns gegen einen kräftigen Wind bei 4 Grad vorwärts kämpfen, um die Stadt zu durchqueren und dann hinter uns zu lassen. Aufgrund der Größe von Paris brauchten wir dazu ganze 3 Stunden und erneut einiges an Nerven. Aber schließlich hatten wir es sogar geschafft in dem Gewirr der Pariser Verkehrsführung den ausgewiesenen Radweg zu finden (Velo 40), dem wir bis in die Bretagne nach Le Mont-Saint-Michel folgen wollten.

Und von hier an entspannte sich alles, da wir nur noch den Schildern folgen mussten. Zwischenzeitlich waren wir zwar etwas verwirrt, in welche Richtung genau ein Schild denn nun zeigte, da das nicht immer ganz eindeutig war, an signifikanten Kreuzungen einfach gar kein Schild hing oder wir uns ab und an auch einfach zu dumm anstellten und beide in die entgegengesetzte Richtung fuhren als das Schild uns vorgab, um uns dann über fehlende Schilder zu echauffierten, aber alles in allem war es angenehm entspannt.

Nur gegen Abend kamen an diesem Tag ein paar Dinge zusammen. Der eisige Wind hatte uns den Tag über ziemlich zugesetzt und da wir den tagsüber viel zu wenig gegessen hatten, hatten wir dieser Kälte abends entsprechend nur noch wenig entgegenzusetzen. Zu wenig gegessen hatten wir, da wir vergessen hatten einzukaufen und als wir etwas entfernt vom Radweg endlich einen Supermarkt aufgetrieben und etwas zu Essen gekauft hatten, fiel uns auf, dass wir vergessen hatten zu tanken. Wir als Fahrradfahrer müssen nämlich trotzdem ca. einmal die Woche tanken und zwar um unseren Kocher betreiben zu können. Tja, jetzt herrschte in unserer Benzinflasche allerdings gähnende Leere. Hieß wir mussten erst mal eine Tankstelle finden. Mitten im nirgendwo war so spät abends noch dazu an einem Samstag allerdings schon alles, was es an Tankstellen in der Nähe gab, geschlossen.

Jetzt guckten wir aber mal so richtig blöd aus der Wäsche. Ganz besonders, da für die Nacht -4 Grad angesagt und wir jetzt schon Eis am Stiel glichem. Mit steifen Fingern bemühten wir schließlich Warmshowers und fanden auch jemanden in der Nähe. Kurzerhand beschlossen wir dort einfach direkt vorbeizufahren und persönlich zu fragen, ob wir uns eine Nacht einnisten dürften. Dort angekommen war allerdings nur eine Katze anzutreffen, die uns misstrauisch beäugte. Als wir es schafften Patricia, der das Haus gehörte zu kontaktieren, sagte sie uns, dass sie für das Wochenende leider nicht da sei. Sie könne uns aber anbieten in einer Kammer unter der Veranda zu schlafen. Da würde es zumindest nicht frieren und Benzin vom Rasenmäher sei dort auch zu finden, davon könnten wir etwas für unseren Kocher verwenden. Das Angebot nahmen wir dankbar an und richteten in der Kammer unser Lager zwischen den zu überwinternden Pflanzen ein.

Am nächsten Tag hinterließen wir noch ein kleines Dankeschön für Patricia und fuhren weiter. Der Radweg war ausgesprochen schön, nicht umsonst war er als „Velo Scenie“ ausgeschildert. In den Dörfern war irgendwann klar, dass es einmal um die obligatorische Kirche gehen würde, was für uns meist bedeutete, dass wir unser Wasser auffüllen konnten. Ansonsten ging es schon Recht ordentlich hoch und runter, schließlich galt es schöne Ausblicke zu genießen. Das nervte allerdings dann ein wenig, wenn man zunächst von oben kam und einen wunderbaren Ausblick hatte, dann nach unten fuhr, um die Kirche von allen vier Seiten in Augenschein zu nehmen, nur um dann wieder alles hochzufahren, weil der Weg oben auf dem Hügel, wo man ja grade erst hergekommen ist, weiter geht und man nur für die drölfzigste Kirche an diesem Tag diesen Abstecher gemacht hat.

Schließlich ging dieser abwechslungsreiche Radweg dann allerdings in eine Bahntrasse über und wurde damit sehr flach. So ging es bestimmt gute 200 km und vor allem ich kam mir vor als seien wir einmal falsch abgebogen und wieder in meiner Heimat auf der Bahntrasse in Haßlinghausen gelandet. Jenseits der Bahntrasse gab es nur Felder, Wiesen und reichlich Hügel. Ein paar Kühe dazwischen, links und rechts Bäume. Und weil man ja immer was zu meckern hat und immer das will, was man grade eben nicht haben kann, wünschten wir uns bald schon ein paar der schönen Aussichten oder ein zwei Hügel zurück. Denn nach 60 km, die mit minimaler Steigung leicht bergauf gehen und sich landschaftlich nicht viel tut oder man außer den Bäumen neben sich eh nichts sehen kann, wird es dann auch schon Mal ein wenig langweilig. Da war die Aufregung abends groß, wenn wir vom Radweg abbiegen und in einem Dorf Wasser auffüllen mussten. Was ein Abenteuer. Dafür kamen wir aber gut voran und mussten uns auch keine Gedanken machen, dass wir die Wegführung falsch verstehen.

Auf dieser Trasse trafen wir dann auch die ersten Langstrecken-Fahrradreisenden in Frankreich. Wir hätten sie schon von weitem entdeckt, da sie genauso beladen wie wir unterwegs waren. Gegen die Kälte dick eingepackt standen sie schließlich vor uns und wir quatschten ein wenig. Sie waren ebenfalls ein Paar und eine Woche später als wir am 14.03.2022 gestartet. Die beiden wollten bis nach Norwegen radeln und dann Mal sehen, wie sie zurückkommen würden. Die beiden haben uns wirklich schwer beeindruckt, denn sie waren im Gegensatz zu uns bereits 68 und 72 Jahre alt und fuhren aber genau wie wir ohne E und schliefen ebenfalls die meiste Zeit im Zelt. Wir waren echt platt und konnten nur den Hut ziehen, dass die Zwei noch so fit sind und hoffen, dass es uns in dem Alter gesundheitlich ähnlich gut gehen würde. Schließlich tauschten wir noch einige Tipps aus und Radelten dann in genau entgegengesetzte Richtungen weiter.

Nach einer knappen Woche im Sattel war es dann Mal wieder so weit: Wir suchten einen Platz zum Übernachten. Da Sturm mit Böen von bis zu 90 km/h angesagt war und der dann auch noch aus Westen kommen sollte, also genau aus der Richtung in die wir mussten, wollten wir an diesen beiden Tagen nicht fahren. Anstatt uns mühsam voran zu kämpfenDl, wollten wir uns die Kraft sparen. Da zusätzlich auch noch Starkregen mit bis zu 25 L/m2 gemeldet war, war unsere Motivation zwei Tage wie die Sardinien im Zelt zu liegen und abzuwarten bis Sturm und Regen vorbei waren nicht besonders hoch. Leider waren wir weder über Warmshowers noch über Couchsurfing erfolgreich und daher nahmen wir uns kurzerhand ein Zimmer über Airbnb mitten im Nirgendwo bei einem älteren Ehepaar.

Schon am Tag vor dem eigentlichen Unwetter liefen Regen und Wind sich schon mal warm. Die letzten Kilometern zur Unterkunft mussten wir zudem mit reichlich Verkehr an der Straße fahren, was vor allem so beladen bei starkem Wind mit den LKWs eine echte Herausforderung darstellt, und kamen dort daher etwas abgekämpft am späten Nachmittag an.

Am Ziel nahmen uns Robert und seine Frau Brigitte, die schon am Fenster nach uns Ausschau gehalten hatten, in Empfang. Die Kommunikation im Voraus hatte es schon vermuten lassen: die Zwei konnten kein Englisch und kein Deutsch. Und wir konnten bis auf wenige Wörter kein Französisch. Wer jetzt allerdings denkt, dass sich unsere Kommunikation deswegen auf das nötigste beschränkte, liegt daneben. Die Beiden sind zwei wundervoll herzliche Menschen. Und nachdem man uns im Zimmer mit viel Zeigen und Mimen alles erklärt hatte, was wir wissen mussten, luden sie uns noch zum Tee bei sich ins Haus ein. Und dort vor dem angenehm warmen Kamin schafften wir es mit Händen und Füßen, einzelnen Worten, die man kannte und ein wenig schauspielerischem Talent eine interessante Unterhaltung zu führen. So erfuhren wir, dass die Beidem selber schon sehr viel gereist waren und sowohl in Asien als auch in Südamerika jeweils für mehrere Monate entweder mit dem Rucksack oder mit einem Wohnmobil unterwegs waren. Es war direkt doppelt spannend. Zum einen, weil die Zwei in außergewöhnlicheren Ländern waren und zum anderen, weil sich mal wieder zeigte, dass man nicht unbedingt die gleiche Sprache sprechen muss, um sich zu verstehen.

So kam es auch, dass Robert und Brigitte sich die Mühe machten und uns nicht nur zu einem für die Normandie typischen hausgemachten Mittagessen einluden bei dem es zum Abschluss noch einen unfassbar leckeren Schokoladenkuchen gab, sondern dass die Beiden sogar noch einen Ausflug mit uns unternahmen. So fuhren wir zu dem Aussichtspunkt „Belvédère du Mont des Avaloirs“ weit oben auf einem Berg, von dem aus man bei gutem Wetter bis zu unserem aktuellen Ziel Le Mont-Saint-Michel gucken kann. Da es aber goss wie aus Eimern konnten wir dort oben nur die Karte bestaunen, wie es bei schönem Wetter aussieht. Witzig war es trotzdem wie wir Vier wie begossen Pudel auf dem Turm standen und in den Dunst starrten. Von dort ging es noch in das malerisches Dorf „Saint-Céneri-le-Gérei“, in dem hauptsächlich Künstler leben und das aussieht wie aus einem Märchenbuch und selbst bei Regen beeindruckend schön war. Und zum Abschluss des Ausfluges zeigten sie uns noch, wie und wo wir am nächsten Tag wieder auf den Radweg kommen würden damit wir nicht wieder Straße fahren mussten. Es war einfach nur unglaublich lieb von den Beiden und wir hatten ehrlich viel Spaß an diesem Tag.

Als wir am nächsten Morgen unsere Räder beluden, hing dort noch eine Tüte mit Walnüssen aus dem eigenen Garten als Wegzehrung für uns dran. Und so strampelten wir etwas runder als zuvor und glücklich über diese tolle Begegnung am nächsten Tag weiter die letzten Kilometer Richtung Le Mont-Saint-Michel.

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