Ankunft in der Bretagne

Zwischen Licht und Schatten

Die Bretagne kündigte sich schon von Weitem an. Wir waren mit den Rädern um eine Ecke gebogen und plötzlich sahen wir in der Ferne am Horizont die Kathedrale von Le Mont-Saint-Michel trohnen. Selbst aus dieser großen Entfernung sah das zweite Wahrzeichen Frankreichs schon unglaublich beeindruckend aus. Die weiten Wiesen, auf denen unzählige Schafe grasten, und die herrlich blühenden Rapsfelder verpassten dem Ganzen eine wunderbar ruhige und einsame Atmosphäre.

Auch aus der Ferne beeindruckend: Le Mont-Saint-Michel

Das änderte sich allerdings je näher wir der Kathedrale kamen. Nachdem wir den letzten der 10 noch zurückzulegenden Kilometer geradelt waren, konnte man weder von ruhig geschweige denn von einsam reden. Da es sich um ein bekanntes Wahrzeichen mit langer und interessanter Geschichte handelt, war selbst außerhalb der Saison viel los. Und so reihten wir uns mit den Rädern in den Strom der Menschen ein, um bis auf die kleine Insel zu kommen.

Dort waren wir – Menschenmengen hin oder her – doch schwer beeindruckt und nahmen uns reichlich Zeit, um den Anblick auf uns wirken zu lassen, ein paar Aufnahmen mit der Kamera zu machen und die letzten Walnüsse, die wir noch von Brigitte und Robert hatten, zum Mittag zu essen.

Schließlich hatten wir genug und wollten wieder auf etwas ruhigere Wege abtauchen. Als wir jedoch grade dabei waren alles zusammenzupacken, wurden wir von einem französischen Mann auf unsere Fahrräder angesprochen. Und als wir sagten, dass wir aus Allemagne kommen und nur Deutsch oder Englisch anbieten könnten, lachte er und holte seine Frau dazu. Und so lernten wir Britta kennen, die seit 25 Jahren in Frankreich lebt und ursprünglich aus Herne kommt. Die Welt ist einfach ein Dorf. Wir unterhielten uns eine Weile mit ihr und ihrem Mann, Greg, und berichteten, was unsere Pläne sind. Als wir sagten, dass wir nun erst einmal durch die Bretagne tingeln wollten, gab Britta uns kurzerhand die Telefonnummer ihres Sohnes. Dieser wohne an der Südseite der Bretagne und wir sollten ihn unbedingt besuchen, wenn wir dort vorbeikommen würden. Sie selbst wären Ende April für einen Kurzurlaub da. Anschließend gab sie uns auch noch ihre Handynummer und sagte, dass wir uns jederzeit, wenn wir Probleme hätten, Hilfe oder eine Übersetzerin bräuchten, bei ihr melden könnten. Von so viel Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft waren wir absolut überrumpelt. Und so fuhren wir um eine tolle Begegnung reicher und eine Dusche im Süden der Bretagne in Aussicht weiter.

Wir freuen uns Britta getroffen zu haben.

Obwohl wir nun endlich den Atlantik erreicht hatten, bekamen wir vom Meer zunächst nicht allzu viel zu Gesicht, denn immer, wenn wir unmittelbar an der Küste entlang fuhren, war es einfach nicht da. Wir hatten nämlich überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt, dass es hier Ebbe und Flut gibt und so konnten wir das blaue Nass zunächst immer nur am Horizont erahnen. Aber zumindest roch es schon ordentlich nach Salzwasser und auch die Tauben waren inzwischen von Möwen abgelöst worden.

An unserem ersten Abend in der Bretagne freuten wir uns wie die Schneekönige, weil wir den Euro Velo 4 gefunden hatten, was bedeutete einfach nur nach Schildern zu fahren und zudem einen herrlichen Schlafplatz direkt neben einer kleinen Kapelle am Meer gefunden hatten. Daher saßen wir abends zum ersten Mal trotz Kälte wirklich lange draußen, sahen dem Sonnenuntergang zu und konnten sogar in der Ferne noch Le Mont-Saint-Michel erkennen.

Unser abendlicher Schlafplatz direkt neben einer Kapelle am Meer.

Der nächste Tag sah allerdings schon ganz anders aus. Hatte uns die Bretagne so schön mit Sonnenschein begrüßt, wurden wir nachts vom unbeliebtesten Geräusch beim Zelten geweckt. Es schüttete wie aus Eimern. Und zusätzlich war auch noch ein ordentliches Lüftchen aufgekommen. Und dieses Wetter hielt den ganzen Tag über an. Und mit den Regensachen ist das ja immer so eine Sache… Irgendwann ist man halt trotzdem nass. Einfach weil, wenn kein Wasser von außen reinkommt, kommt auch nur schwer welches von innen raus. Und da der Euro Velo 4, der sich gestern auf den ersten 20 km wunderschön flach präsentiert hatte, in ein einziges Hoch und Runter übergegangen war, produzierten wir bei jedem Hoch reichlich Nass, was wiederum irgendwie nach draußen gemusst hätte. Vom Meer hätten wir an diesem Tag, selbst wenn denn keine Ebbe gewesen wäre, auch nichts sehen können, denn man konnte bei dem ganzen Dunst, Nebel und Regen nicht allzu weit schauen.

Trotz Regen, Wind und Höhenmetern radelten wir an diesem Tag 70 km, was vor allem auch daran lag, dass wir bei einem solchen Schmuddelwetter keine allzu ausgedehnte Mittagspause machten. Essen rein und weiter. Gegen Abend hörte es dann endlich auf zu regnen und wir füllten schließlich unsere Trinkvorräte auf und beschlossen nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Wir waren beide ziemlich fertig. Das Ende des Tages kam dennoch sehr abrupt und für uns beide gänzlich unerwartet. Wir kämpften uns grade wieder im kleinsten Gang und mit 7 km/h einen der unzähligen Anstiege in des Euro Velos 4 in der Bretagne hoch, als es plötzlich laut knallte und bei Hennings Fahrrad gar nichts mehr ging.

Als wir anhielten, um zu sehen, was denn das Problem war, waren wir absolut geschockt. Der Rahmen war an der Aufnahme für die hintere Steckachse komplett aufgebogen, das Schaltwerk hatte sich in die Speichen gezogen und komplett verhakt. Das Fahrrad war im Eimer. An Weiterfahren war nicht einmal im Ansatz zu denken, konnten wir das Fahrrad ja noch nicht mal mehr schieben, da das Hinterrad entsprechend nicht mehr befestigt war. Da wurde uns erstmal ganz anders.

„Scheiße und jetzt?“, kam von Henning die Frage, ohne dass er ernsthaft glaubte, dass ich eine Antwort parat hätte. Wir standen mitten in einem winzigen Dorf in einem Wohngebiet am Berg an der Straße, es war inzwischen 18:30 Uhr, ein Fahrrad ließ sich nicht mehr bewegen und wir wussten nicht mal, wie wir es bis zu einem möglichen Zeltplatz schaffen sollten. Da wird einem ganz anders. Dumm rumstehen half natürlich auch nicht und so bemühte ich mich in verschiedenen Foren schnelle Hilfe zu finden, suchte auf Maps nach Werkstätten (die natürlich alle schon geschlossen hatten) und möglichen Unterkünften, nahm mit Philippe Verbindung auf, um zu sehen, ob er helfen konnte während Henning sein Fahrrad ablud, auf den Kopf drehte und prüfte, ob nicht doch noch was zu machen war. Alles Fehlanzeige.

Und dann passiert das, was sich Leben nennt. Denn nach knapp 15 Minuten, die wir verloren an der Straße mit unserem umgedrehten Fahrrad standen, hielt plötzlich ein Auto neben uns. Eine junge Frau ließ das Fenster herrunter und fragte, ob alles OK sei oder wir Hilfe benötigen würden. Als wir ihr kurz unsere Situation erklärt hatten, sagte sie, dass sie 500 m die Straße rauf wohne und wir bei ihr übernachten und wegen des Fahrrads gucken könnten. Sie müsse jetzt zwar weg ihre Kinder abholen, aber sie würde kurz ihren Mann anrufen, der müsste dann in 15 – 20 Minuten da sein.

Unendlich dankbar für dieses Angebot nahmen wir an und pöngelten all unsere Sachen zum beschriebenen Haus. Als wir mit den letzten Taschen und Hennings Rad dort ankamen, war auch schon ihr Mann, Jérôme, zu Hause. Da er selber gerne Rad fährt, warf er direkt einen Blick auf unser Problem und sagte, dass wir am besten den Hersteller kontaktieren bevor wir irgendetwas machen wie z. b. zu versuchen das ganze händisch zurückzubiegen. Da es vermutlich schon zu spät sei jemanden zu erreichen, sollten wir erstmal hereinkommen. Wir könnten im Haus schlafen, eine Dusche nehmen und er würde jetzt kochen.

Und obwohl Jérôme Recht hatte, dass es vermutlich zu spät sei jemanden bei der Firma Böttcher zu erreichen, riefen ich dort an. Wie zu erwarten ging niemand ans Telefon und so schickte ich schon mal vorab eine Mail mit allen Infos uns Fotos an unseren dortigen Ansprechpartner. Danach taten wir allen einen Gefallen, nahmen eine Dusche und halfen anschließend beim Kochen. In der Zwischenzeit hatte sich Sören, unser Ansprechpartner bei der Firma Böttcher, trotz der späten Stunde bereits gemeldet und seinerseits Kontakt zu einem der Entwickler aufgenommen, um zu klären, wie man uns kurzfristig helfen konnte, um das Fahrrad wieder fahrtüchtig zu machen bis ein neuer Rahmen bei uns wäre. Wow! Damit hatten wir doppelt nicht gerechnet. 1. Hatten wir um inzwischen fast 20 Uhr nicht mit einer Antwort gerechnet und 2. hatten wir nicht so eine unkomplizierte und schnelle Hilfe erwartet. Wir vereinbarten am nächsten Tag zu telefonieren, um alles Weitere genau abzuklären.

Und so kam, woran wir zwei Stunden zuvor im Traum nicht gedacht hätten. Wir hatten einen Schlafplatz, saßen frisch geduscht mit Jérôme, Maëlis, den zwei Kindern und Freunden der Familie am Tisch, aßen lecker zu Abend, tranken Cidre und hatten einen wunderbaren Abend. Sorgen könnten wir uns am nächsten Morgen weitermachen. Heute konnten wir ohnehin nichts mehr ausrichten.

Am nächsten Morgen machten wir uns nach einem typisch französischem Frühstück und einem Telefonat mit der Firma Böttcher und deren OK daran zu versuchen den Rahmen wieder so zu biegen, dass wir zumindest ein wenig fahren könnten, während wir auf den neuen Rahmen warten würden. Jérôme half uns hierbei und mit vereinter Kraft, viel Ingenieurskunst und einem zarten Schraubstock von ca. 50 kg schafften wir es nach guten zwei Stunden Herumprobieren alles ungefähr so zu biegen, dass man die Fahrradachse wieder verbauen und zumindest die Hälfte der Gänge nutzen konnte. Nach ein paar vorsichtigen Proberunde, die das ganze überstanden hatte, kam der ultimative Test: Beladen am Berg fahren.

Aber auch das schien zu halten, worüber wir überglücklich waren. Denn das bedeutete, dass wir nicht auf einem Fleck hocken müssten bis der Rahmen angekommen wäre, sondern uns in der Zwischenzeit zumindest ein wenig die Bretagne weiter anschauen könnten. Und auch hier hatte das Leben wieder eigene Pläne gemacht, denn wir erinnerten uns an Britta und ihre Worte uns an sie zu wenden, wenn wir Hilfe bräuchten. Und so vereinbarten wir, den Rahmen an die Adresse ihres Sohnes senden zu lassen, die für uns so oder so auf dem Weg liegen würde, selbst wenn wir doch nicht weiter in die Bretagne fahren könnten.

Und so kam es, dass wir nicht einmal 24 Stunden nachdem wir geschockt und komplett ohne eine Idee am Straßenrand gestrandet waren, frisch geduscht mit einem provisorisch reparierten Fahrrad losfuhren voll der Hoffnung, dass wir nun doch noch etwas von diesem wunderschönen Teil Frankreichs sehen würden.

4 Gedanken zu “Ankunft in der Bretagne

  1. Hallo Ihr Beiden,
    ich folge Euch von Anfang an und war gespannt was Ihr so erlebt und zu berichten habt. Ich lese gern Eure Berichte und schaue mit meiner Frau gern Eure Videos auf dem Fernseher an. Vielen Dank dafür.
    Wir waren vor ca. 15 Jahren in der Bretagne unterwegs und ich habe den Blick auf den St. St. Mount-Saint-Michel genossen, den wir tagelang sahen (Rundtour).
    Eure Erlebnisse zeigen mal wieder, dass es immer weitergeht, auch wenn es nicht so aussieht. Diese Erkenntnis werde ich auch auf unsere Jahresradtour in Südamerika mitnehmen.
    Immer eine Handvoll Luft unter der Felge und einen gesunden Magen wünscht Andre

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    1. Hallo Andre,
      vielen Dank für deine lieben Worte, die haben uns wirklich gefreut. 😊
      Ja, wir freuen uns auch ziemlich eigentlich jeden Tag feststellen zu können, dass die Welt gar nicht so schlecht ist, wie sie in den Nachrichten gerne verkauft wird und es viele nette Menschen gibt, die mehr als bereit sind einem zu helfen. Und auch bei Pleiten, Pech und Pannen muss man immer im Kopf haben, dass es irgendwie immer weiter geht und das Unglück am Ende nur einen kleinen Teil der Reise ausmacht.
      Wir wünschen euch viel Spaß in Südamerika. Wann soll es denn losgehen? 😊 Mit dem Teil der Welt liebäugeln wir auch… Wer weiß.
      Euch eine ganz tolle Zeit und viel Rückenwind.
      Liebe Grüße, auch an deine Frau 🚴🏼‍♂️🚴🏽‍♀️

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  2. Bonjour Marielle Henning
    Je vous accompagne de temps en temps dans votre périple j’aimerais être avec vous
    Mais avec un vélo électrique.
    J’essaie de vous envoyer ce message j’espère que cela va marcher.

    Juste petite modification .
    Il ne faut surtout pas dire à un Normand que le Mont St Michel appartient au Breton….
    Il appartient bien au Normand…,..
    Nous aménageons notre Ford pour partir début Juin …
    Bonne route soyez prudent ………

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    1. Bonjour Robert et Brigitte, merci pour le message. Nous étions très contents. Nous pensons que c’est bien que vous nous accompagniez ainsi.
      Nous ne connaissions pas Le Mont Saint Michel. Merci pour l’information. Maintenant, nous avons encore appris quelque chose.
      Pour le moment, nous voulons aussi des vélos électriques. Nous sommes en Espagne dans les montagnes. C’est épuisant.
      Nous vous souhaitons beaucoup de succès dans le retrait de votre voiture. Et un merveilleux voyage en Italie. Nous arriverons probablement en Italie début juillet. On se verra peut-être même.
      Cordialement et merci pour ce séjour agréable.
      P.S. J’espère que la traduction est correcte.

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