Die Bretagne

Von rauhen Küsten und schmackhaften Crêpes

Mit Hennings provisorisch repariertem Rahmen fuhren wir weiter. Zunächst vorsichtig und skeptisch, aber mit zunehmenden Kilometern und Tagen immer zuversichtlicher.

Wir reisten weiter die Nordküste der Bretagne auf dem Euro Velo 4 entlang. Über diesen gab es zwischenzeitlich einen ziemlichen Disput, denn es ging in einer Tour hoch und runter. Und grade Henning, der mit seiner reparierten Gangschaltung nicht mehr alle Gänge nutzen konnte, platze irgendwann der Kragen, dass man jeden kleinen Weg hoch und runter mitnahm und nicht einfach einer Küstenstraße folgte. Dem Velo muss man hier zu Gute halten, dass er das nicht tut, nicht, weil er nicht will, sondern weil er nicht kann. Es existiert nämlich schlicht und ergreifend keine durchgehende Küstenstraße. Es gibt lediglich immer wieder Straßen, die in besiedelten Buchten nach unten führen, dort dann aber schon nach wenigen Kilometern wieder zu Ende sind und einen zurück nach oben schicken.

Schließlich entschieden wir uns für eine fahrbare Mischung aus Euro Velo 4 und kleinen Straßen, um Henning das Fahren zu erleichtern. Und ab da konnten wir beide die Bretagne genießen. Selbst das Wetter war auf unserer Seite und für diese Gegend Frankreichs ungewöhnlich sonnig und trocken. Lediglich ein paar Tage mit Nebel und Regen hatten wir, die aber kaum der Rede wert sind. Henning, der zunächst überhaupt nicht in die Bretagne, sondern in den Süden wollte und durch das Malheur mit dem Rahmen weiter negativ vorbelastet war, änderte schließlich am Cap Frehel seine Meinung und wurde am Pointe de Castel Erek, wo wir für eine Nacht das Zelt aufbauten, darin bestärkt, dass sich der Ausflug in die Bretagne und auch das damit verbundene Hoch und Runter gelohnt hatten.

Diese Caps haben uns tief beeindruckt. Die Wellen knallten mit einer solch rohen Naturgewalt auf die Felsen, dass die Gischt 10 m hoch spritze und wir selbst hoch oben auf der Felskante nass wurden. Es war Ohren betäubend laut, windig und kalt und doch verbrachten wir Stunden damit einfach nur dazustehen und zu staunen. Dass wir dazu am Point de Castel Erek noch den Sonnenuntergang anschauen konnten, setzte dem Ganzen die Krone auf. Bei solchen Naturgewalten haben wir immer das Gefühl, dass wir uns wieder in einer besseren Relation wahrnehmen können. Ähnlich wie, wenn man auf der Spitze eines Berges steht und merkt, wie klein man doch eigentlich ist.

Zwischen diesen beiden Caps lagen zahlreiche Kilometer und zahllose schöne Orte. Ostern blieben wir zum ersten Mal für einen Tag bzw. zwei Nächte mit dem Zelt an einer Stelle, weil sie uns so gut gefiel. Es war eine Art kleine Halbinsel mit einer schönen Wiese, einem Wäldchen, Strand und Felsen. Als Ebbe war, kamen immer mehr Leute mit Wathosen, Gummistiefeln und Eimern, die an uns vorbei auf die riesige Fläche liefen, wo wenige Stunden zuvor noch Meter tiefes Wasser gewesen war. Nachdem wir einmal verstanden hatten, dass diese alle auf Muschelsuche gingen, ließ Henning es sich nicht nehmen ebenfalls loszuziehen, nur um Stunden später und ohne eine einzige Muschel zurückzukehren. Bis heute haben wir nicht verstanden wo genau wir denn eigentlich hätten suchen müssen. Am Morgen und am Abend versuchte Henning sich am Angeln und hatte hier deutlich mehr Erfolg als bei der Muschelsuche. So zappelte schon nach kurzer Zeit ein Dornhecht am Haken, kurze Zeit später aber auch wieder fröhlich im Wasser. Ich verbrachte den Tag derweil damit unsere Ostereier mit Edding zu bemalen, Hörspiele zu hören und zu lesen. Einfach Mal nichts tun war die Devise.

Insgesamt radelten wir von Le Mont-Saint-Michel bis Morlaix an der Nordküste der Bretagne entlang. Dort bogen wir ab, um durchs Landesinnere an die Südküste der Bretagne zu wechseln und dort auch auf unseren neuen Rahmen zu treffen. Dieses kurze Stück entpuppte sich als wahrer Glücksgriff. Nicht nur, dass wir uns plötzlich auf einer alten Bahntrasse wiederfanden und es nur so rollte. Auch hatten wir die Möglichkeit über Warmshowers erst eine Nacht bei Karen und anschließend zwei Nächte bei Élie und Malo zu verbringen. Und so kam es, dass wir innerhalb von zwei Tagen jeder 10 Crêpes zu uns nahmen.

Beide Begegnungen haben viel Freude bereitet und wir werden keine davon vergessen. Karen schneidert traditionelle britannische Kostüme und mag alles, was mit dieser Zeit zu tun hat. Sie reparierte sogar noch Hennings Jacke, die am Ärmel aufgerissen war. Leider war ihre Dusche kaputt und so „duschten“ wir wie in der alten Zeit mit einem Eimer, der in der Küche mit warmen Wasser aufgefüllt wurde. Abends wurden wir dann zum traditionellen Essen der Bretagne eingeladen: Crêpes und dazu Cidre. Wir freuten uns riesig, denn das war etwas, was wir unbedingt probieren wollten, nachdem es uns von Philippe für die Bretagne ans Herz gelegt worden war. Natürlich kann man Crêpes auch im Restaurant essen, aber zu Hause bei einer Landsfrau ist es einfach schöner. Karen hatte von ihrer Oma gelernt, wie man gute Crêpes macht und freute sich immer andere Leute dazu einzuladen.

Am nächsten Tag fuhren wir nur knappe 45 km weiter zu Élie und Malo. Wir hatten ursprünglich Karen und die beiden über Warmshowers angefragt, da ja nicht immer jeder Zeit hat, um einen zu beherbergen. Nachdem beide zugesagt hatten, entschieden wir uns kurzerhand uns die Zeit zu nehmen und beide zu besuchen. Wie sich herausstellte die richtige Entscheidung. Élie nahm uns herzlich in Empfang und zeigte uns, wo wir schlafen konnten. Danach konnten wir die Freude einer ausgiebigen und heißen Dusche genießen und die Waschmaschine beladen. Als Malo von der Arbeit kam, luden sie uns auf ein typisches britannisches Essen ein: Crêpes. Das kam uns bekannt vor. Da wir schon jetzt begeisterte Fans von diesem Gericht und der Art und Weise, wie es hier zubereitet und gegessen wird, sind, stimmten wir begeistert mit ein. Henning übte unter Malos Augen auch schon mal selber einen Crêpes zu machen. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellte. Am Ende kugelten wir uns jeder mit vier Crêpes im Bauch auf dem Sofa, tranken Cidre und Bier und quatschten ausgiebig miteinander. Über unsere Reise, über die Reise der beiden (sie waren ein Jahr in Südamerika gewesen), über das Leben im allgemeinen, Politik und Gott und die Welt. Schließlich fielen wir totmüde ins Bett.

Diese Tage hatten uns unglaublich gut getan und nicht nur die Akkus unserer Drohne, sondern auch unsere eigenen wieder vollgeladen. Vielleicht lag es auch ein wenig an den restlichen Crêpes, die wir am nächsten Morgen mit Schokocreme verspeist hatten. Daher radelten wir schließlich beschwingt weiter Richtung Südküste, um von dort nach Vannes zu fahren. Denn Robin, der Sohn von Britta, die wir in Le Mont-Saint-Michel getroffen hatten, hatte uns inzwischen ein Foto von einem riesigen Karton geschickt, der bei ihm angekommen war und in dem nur der neue Rahmen für Henning stecken konnte. Entsprechend wollten wir nicht mehr lange rumbummeln, sondern zügig dorthin kommen, um uns dem Projekt Fahrradumbau zu widmen.

2 Gedanken zu “Die Bretagne

  1. Hey Marielle und Henning!
    Ich freue mich einfach immer wieder, eure Berichte zu lesen und was für Abenteuer ihr erlebt. Sowohl positiver als auch negative. Ihr macht einfach aus allem das Beste. Und das wichtigste von allem… Die kleinen Dinge sehen.
    Ich freue mich sehr, dass es euch gut geht. Frankreich steht übrigens für nächstes Jahr auf meiner Motorradprojekte Liste. Habe mich in die Ardeché und Cevannes verliebt. Dieses Jahr geht es erst mal in die Südtiroler Alpen. Zunächst steht am 18.6. der alpin Lauf mit Suse und Gaby an, in der Nähe von Kufstein, und danach gehts mit meinem besten Kumpel zwei Wochen auf Motorradtour. Eine Woche Südtirol und eine Woche Trentino. Um die kleinen Pässe und das auf und ab ordentlich zu üben für die französischen kleinen Sträßchen. Weiterhin ganz viel Spaß und vor allen Dingen genießt was ihr habt. EUCH 😘
    Lg
    Bianca

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    1. Hey Bibi,
      schön, dass Dir unsere Berichte gefallen. Vielen Dank für die Blumen. 😊
      Und was Du sagst stimmt vollkommen: Die kleinen Dinge sind oft am besten.
      Du hast aber auch einiges vor, das klingt definitiv ziemlich cool. Die Ardeché wurde uns auch ans Herz gelegt, allerdings kann man ja leider nicht alles sehen. Wir warten dann auf Fotos und Deinen Bericht.
      Wir wünschen Dir schon Mal gute und vor allem sichere Fahrt und vorher natürlich noch ganz viel Erfolg und Spaß bei eurem Lauf. Ganz liebe Grüße auch an Suse. ☺️
      Liebe Grüße
      🚴🏽‍♀️🚴🏼‍♂️

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