3.000 km Radreise


Unser neuer Alltag

Nach inzwischen 3.000 km und damit neun Wochen im Sattel haben wir unser Tempo angepasst und es hat sich eine Art Alltag eingestellt. Waren wir zu Beginn unserer Tour schon meist viel damit beschäftigt uns zu erinnern in welcher der elf schwarzen Taschen (ein richtig cleverer Schachzug von uns alles in der gleichen Farbe zu nehmen) etwas verborgen war, weiß zumindest ich inzwischen, wo alles ist, und Henning weiß, dass ich es weiß. Das muss reichen.

3.000 km im Sattel

Und so haben wir unseren Rhythmus gefunden. Im Gegensatz zu unseren sonstigen Urlauben klinget morgens nur unter der Woche der Wecker. Oder, wenn für die Morgenstunden beispielsweise Regen angesagt ist und man seine Sachen noch im Trockenen einpacken will. Ansonsten haben wir morgens allerdings dennoch Zeit und so haben wir vor allem die ersten Wochen, in denen es nachts noch gefroren hat, morgens auch schon mal so lange im Zelt rumgelümmelt bis die Sonne aufgegangen oder es zumindest hell war und damit die kältesten Temperaturen für den Tag geschafft. Inzwischen ist es fast schon so, dass es morgens zu warm wird und man daher aus dem Zelt kriecht, um sich nicht plötzlich in einer 60 Grad Sauna wiederzufinden, deren Aufgussaromen dazu noch zu Wünschen übrig lassen. Haben wir uns erst einmal aus den Schlafsäcken und dem Zelt ins Freie gekämpft, beginnt das geschäftige Treiben. Henning macht Kaffee und Tee, während ich unser Frühstück vorbereite. Währenddessen kann das Zelt noch etwas abtrocknen und die Schlafsäcke auslüften. Henning beschäftigt sich meist schon ein wenig mit der Route, wenn wir nicht grade am Wasser geschlafen haben und er auf der Suche nach Fischen ist. Ich lese derweil noch ein, zwei Kapitel bis mein Tee so weit abgekühlt ist, dass auch ich ihn trinken kann. „Wir haben ja keinen Stress“, wie Henning so gerne sagt. Danach wird alles eingepackt, auf die Räder geladen und los geht es. Und jetzt kann man sicher sein und vermutlich ist es auch immer auf Strava zu erkennen, spätestens nach zwei, drei Kilometern oder dem ersten Anstieg muss angehalten werden, weil irgendjemand was ausziehen muss, wir vergessen haben uns einzucremen, der Müll weggeworfen oder Wasser aufgefüllt werden muss. Es ist doch schön, dass man selbst auf einer solchen Tour die Uhr nach kleinen Ritualen stellen kann.


Wenn sich mittags dann der Hunger meldet (verlässlicherweise bei mir zuerst), wird auf der Karte nach einem Supermarkt in der Nähe gesucht, wobei Nähe hier ein dehnbarer Begriff ist. Haben wir einen erreicht, wird inzwischen meist Baguette und Käse gekauft und dann nehmen wir uns – vorausgesetzt wir haben eine schöne Stelle gefunden – meist eine ganze Stunde Zeit, um ausgiebig Pause zu machen. Dann wird auch nochmal der Kocher rausgeholt und während einer zweiten Runde Tee und Kaffee werden Nachrichten beantwortet oder die Aussicht genossen. Nachdem wir satt uns zufrieden sind, wird noch etwas rumgelümmelt und anschließend geht es meist mit gefühlt besonders schweren Beinen weiter.

Ab einem gewissen Punkt im Laufe des Abends werden die Wasservorräte aufgefüllt, damit wir anfangen können nach einem guten Zeltplatz Ausschau zu halten. Entdeckt man zügig einen Guten, kann es auch sein, dass mal früher angehalten und Feierabend gemacht wird. Wen interessieren 10 km mehr oder weniger, wenn man dafür an einem schönen Platz den Abend genießen und den Tag ausklingen lassen kann. Auch ein Unterschied zu den Reisen, die wir sonst in unserem Urlaub unternommen haben. Denn da wir dort immer die Zeit im Hinterkopf hatten, da wir schließlich irgendwann wieder zurück zur Arbeit mussten, sind wir abends immer so lange gefahren, wie es die Beine oder das Tageslicht zugelassen haben. Dieses Problem haben wir nun nicht mehr, außer wir haben ein Visum, das ggf. ausläuft. Acht müssen wir lediglich darauf geben, dass wir nicht zu spät in einer stark besiedelten Gegend oder gar Stadt landen, da dies die Zeltplatzsuche um einiges verkompliziert.

Interessant ist auch immer, wie wir den Zeltplatz ausbaldowern, der beiden passt. Meist entdeckt der eine einen Platz und zeigt ihn dem anderen. Dann gibt es zwei mögliche Reaktionen: „Cool, ja ok.“ Oder: „Ja… können wir machen.“ Die zweite Variante heißt aber eigentlich so viel wie: „Ich würde lieber noch weiterfahren, aber wenn Du hier unbedingt bleiben möchtest, dann machen wir das.“ In neun von zehn Fällen fahren wir dann aber doch noch ein Stück bis es beiden passt.


Haben wir uns für einen Zeltplatz entschieden, der beiden passt folgt wieder ein eingespielter Ablauf. Das Zelt wird gemeinsam aufgebaut und während Henning alles schnibbelt, was wir benötigen, um uns ein Abendessen zu kochen, mache ich das Zelt mit Isomatten und Schlafsäcken bereit und verstaue schon mal ein paar Dinge. Gekocht wird gemeinsam. Da die Sonne im Gegensatz zum Beginn der Reise nicht mehr unmittelbar nach oder sogar während des Abendessens verschwindet und es abends auch nur noch kühl und nicht mehr arschkalt ist, bleiben wir anschließend meist noch eine Weile vor dem Zelt sitzen, fragen uns, wer den Abwasch macht und sind einfach froh, wie es ist. (An dieser Stelle sei der Ehrlichkeit halber erwähnt, dass es tatsächlich meist Henning ist, der sich ums Spülen kümmert.) Momentan genieße vor allem ich diese Zeit, weil die Spanne zwischen „es ist zu kalt um noch vor dem Zelt zu sitzen“ und „man wird von den Mücken nur so aufgefressen“ sehr kurz ist.

Irgendwann heißt es dann aber Zähneputzen und ab ins Zelt. Meist freuen wir uns dann auch auf unser „Bett“, weil wir nach einem ganzen Tag im Sattel und in der Sonne und im Wind doch immer recht geschafft sind. Im Zelt wird zunächst mit dem Umziehen gekämpft (einer nach dem anderen, denn der Platz reicht nicht aus, dass wir das beide zeitgleich machen, andernfalls würden wir uns wohl k. o. schlagen) – dem Himmel sei Dank haben wir inzwischen jeder gut drei Schichten weniger an Kleidung an als zu Beginn – und sich dann in den Schlafsack gekuschelt. In meinem Fall wird noch ein Kapitel gelesen und Henning daddelt am Handy, wenn er denn Akku hat. Schließlich wird noch eine gemeinsame Diskussion geführt, ob es wohl besser ist nochmal pinkeln zu gehen. Das bedeutet inzwischen zwar keinen Ausflug ins Kalte mehr, bringt aber einen erneuten Kampf mit dem normalen und dem Innenschlafsack mit sich. Oder man lässt es drauf ankommen, was im schlimmsten Fall bedeutet, dass man mitten in der Nacht raus muss. (Ehrlicherweise ist nachts Pinkeln zu müssen beim Zelten vor allem zur kalten Jahreszeit, aber auch generell wohl so ziemlich das nervigste.) Meist gewinnt das Sicherheitspinkeln, wie wir es nennen. Danach wird die Zeltlampe ausgeschaltet und es ist wirklich Feierabend für diesen Tag.

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