Französische Gastfreundschaft

Und neue Freundschaften

Kurz bevor wir endlich bei Robin und unserem neuen Rahmen ankamen, zog noch ein Unwetter über uns hinüber. Wir kamen aus dem strahlenden Sonnenschein und genau dort, wo wir hin mussten, türmten sich die schwarzen Wolken. Und schließlich saßen wir 10 km von unserem Ziel entfernt in einem Bushaltestellehäuschen in der Hoffnung das Schlimmste dort abwarten zu können. Und in dieser Zeit hat sich uns mal wieder die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der französischen Menschen gezeigt.

Schon nach wenigen Minuten, die wir dort saßen, kam eine ältere Dame vorbei, um uns zu fragen, ob wir etwas zu Trinken bräuchten und wir konnten unser Wasser bei ihr auffüllen. Kurze Zeit später kam ein Mann vorbei, um sich zu erkundigen, ob wir einen Campingplatz suchen würden. Als wir ihm sagten, dass wir für die Nacht einen festen Platz hätten und bloß warten würden, dass der Regen aufhören oder zumindest nachlassen würde, war er beruhigt und ging. Schon fünf Minuten später rannte er allerdings wieder im strömenden Regen auf uns zu. Ihm war noch ein schöner Ort eingefallen, der auf unserem Weg liegen würde und den wir uns unbedingt anschauen müssten. Er zeigte uns auf Maps die genau Lage und wir versprachen dort definitiv einen Abstecher hin zu machen. Auch bei Regen. Darauf verabschiedete er sich zum zweiten Mal und fuhr mit seinem Auto davon, nur um 10 Minuten später ein drittes Mal zu uns zu rennen (inzwischen war er deswegen schon ziemlich durchnässt), um uns auf dem Regenradar zu zeigen, dass der Regen für heute nicht mehr aufhören und wir daher nicht zu lange warten sollten. Wir lachten und versprachen zu fahren bevor es Dunkel werden würde.

Schließlich brachen wir dann auch auf und schafften es doch tatsächlich das einzige Regenloch abzupassen. Und die empfohlene Stelle sahen wir uns tatsächlich an und der Mann hatte nicht zu viel versprochen. Man konnte von weit oben auf einen historischen Stadtteil genau am Fluss schauen, über den eine alte Bogenbrücke führte. Nachdem wir den Ausblick genossen hatten, fuhren wir weiter. Wir waren inzwischen nämlich schon spät dran.

Schließlich erreichten wir Robin, der uns mehr als herzlich in Empfang nahm und uns jedem direkt ein Bier in die Hand drückte. Wir stießen an und pflanzten uns zusammen vor den Kamin und quatschten, schließlich kannten wir uns eigentlich gar nicht, auch wenn er uns unbekannterweise schon viel geholfen hatte. Anschließend zeigte Robin uns, wo wir schlafen könnten. Wir fühlten uns wie im Himmel. Wir hatten ein komplettes Zimmer mit eigenem Bad nur für uns. Wie konnte man nur so viel Glück haben? Nachdem wir unsere Taschen verstaut hatten, lud Robin uns noch zum Essen ein. Und so verbrachten wir einen sehr geselligen Abend.

Am nächsten Morgen musste Robin arbeiten und so kümmerten wir uns um das, warum wir ursprünglich überhaupt hergekommen waren. Wir packten den neuen Rahmen aus, kontaktieren eine Fahrradwerkstatt in der Nähe (glücklicherweise erwischten wir am Telefon den einzigen Mitarbeiter, der Englisch sprach) , demontierten alles von Fahrrad, was wir konnten und nicht mehr brauchten, um noch bis zur Werkstatt zu fahren und machten uns schließlich beladen mit dem neuen Rahmen und Laufschuhen auf den Weg zum Laden.

Dort angekommen, erklärten wir dem Mechaniker, was passiert war und wobei genau wir Hilfe benötigten (z. B. Lenkkopf- und Tretlager einpressen). Er versprach sich morgen sofort darum zu kümmern und würde das Ganze vorziehen damit wir nicht so lange warten müssten und bald weiterfahren konnten. Er selbst will nächstes Jahr mit dem Rad von Frankreich nach Japan fahren und verstand daher, dass wir auf heißen Kohlen saßen. Das wussten wir wirklich zu schätzen. Naja, und da wir nun nur noch mit einem Fahrrad bewaffnet waren, hieß es „Run and Bike“ zurück zu Robin. Da wir beide vom Laufen kommen, unter anderem auch Ultra Laufen (42+ km), hätten wir früher über die 9 km zurück zum Haus gelacht und uns gestritten, wer denn nun laufen darf. Nach sieben Wochen im Sattel sah das nun allerdings gänzlich anders aus. Daher „Run and Bike“. So tauschten wir auf der Hälfte, wer laufen musste und wer Radeln durfte. Wobei Henning auf meinem Fahrrad leicht bescheuert aussah, weil es einfach viel zu klein für ihn war. Aber so schafften wir es doch recht problemlos zurück. (An der Stelle sei noch angemerkt, dass vor allem Henning am nächsten Tag solchen Muskelkater hatte, dass er beinahe rückwärts die Treppen runtergehen musste.)

Während wir uns um das Rad gekümmert hatten, waren Robins Eltern, Britta und Greg, sowie sein Opa Jean-Claude angekommen. Mit dabei Otto und Shelby, die zwei belgischen Schäferhunde. Wir freuten uns unglaublich alle wiederzusehen und als Robin zusammen mit seinem Kumpel Gil von der Arbeit nach Hause kam, stießen wir alle auf das Zusammentreffen und darauf, wie das Leben so spielt an. Abends gab es unser Leibgericht, Crêpes, und Gil spielte Gitarre und sang. Wir unterstützen tatkräftig und aus voller Lunhe beim Singen, wenn auch mit deutlich schieferen Tönen. Es war schlicht und ergreifend ein so wunderbarer Abend, wie man ihn sich nur wünschen kann und doch viel zu selten erlebt.

Und so war es mit der ganzen Woche. Es war einfach so herrlich unkompliziert und wir fühlten uns so dermaßen willkommen, wie es nur irgend geht. Wir gingen kilometerweit mit den Hunden am Strand spazieren und sprachen dabei stundenlang miteinander, wir verspeisten mit Blick aufs Meer unsere Baguettes und fuhren abends alle zusammen los, um gemeinsam den Sonnenuntergang anzuschauen. Britta zauberte jeden Abend etwas Leckeres zu Essen für uns alle und jeder Abend endete mit einer ausgelassenen Runde, in der gelacht und gequatscht wurde. An einem Tag nahm Robin uns noch mit. Er war mit Freunden, u. a. Gil, nach der Arbeit verabredet und wir herzlich eingeladen. Wir fühlten uns einfach rundum wohl. Es war wie Freunde und Familie, obwohl man sich nur so kurz kannte.

Allerdings hatten wir das Problem, dass alle am Donnerstag abreisen würden, einschließlich Robin, und wir das Fahrrad erst Donnerstag Nachmittag würden abholen können. Dann müssten wir aber noch alles, was wir selber angeschraubt hatten, wieder anschrauben. Das würden wir entsprechend nicht rechtzeitig bis zur Abreise schaffen. Was für uns ein Problem war, war für Britta und Robin gar keines. Beide sagten, dass wir alles ganz in Ruhe machen sollten und so lange bleiben könnten, wie wir bräuchten, um alles stressfrei fertig zu bekommen. Unfassbar. Das half uns sehr. Und zu guter Letzt, obwohl alle schon im Abreisestress waren, fuhr Greg Henning noch zum Laden, damit wir nicht wieder hin laufen müssten.

Und so verabschiedeten wir uns mit Recht schwerem Herzen von solch wunderbaren und hilfsbereiten Menschen, wie wir sie selten kennenlernen durften. Zum Schluss nahm Britta uns noch das Versprechen ab, dass wir sie zu Hause besuchen würden, wenn wir von unserer Reise zurück wären. Und wir haben definitiv vor dieses Versprechen zu halten.

Am nächsten Tag war es irgendwie komisch. Alles war viel zu leer und zu leise ohne den ganzen Trubel. Und so schraubten wir jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt am Fahrrad rum bis: „Scheiße!“ Kam es von Henning und auf sein Gesicht trat ein leicht entsetzter Gesichtsausdruck. In der Hand hielt er einen Schraubenkopf. Er hatte seinen Lenker tiefer verbauen wollen und dabei die Schraube zu fest angezogen. Und wie mein Ausbilder immer so schön sagte „Nach fest kommt ab“. Dem war auch tatsächlich so. Und von jetzt auf gleich war die Stimmung im Keller. Das konnte doch echt nicht war sein. Vor allem weil schon Freitagnachmittag war und bis wir wieder am Radladen wären, müssten wir bestimmt bis nach dem Wochenende warten. Schließlich riefen wir einfach den Mechaniker mittels Videoanruf an und er sagte, wir sollen direkt vorbeikommen dann würde er es sofort fertig machen.

Dem war zum Glück auch so. Dem Himmel und dem freundlichen Mechaniker sei Dank. Da es inzwischen zu spät war, um noch zu starten, blieben wir in Rücksprache eine weitere Nacht, was überhaupt kein Problem war.

Wir sind Britta, Greg, Robin, Jean-Claude und Gil wirklich Dankbar für die Hilfe und das Gefühl mehr als willkommen zu sein, das sie uns gegeben haben.

Am nächsten Morgen waren Henning und ich uns definitiv einig: Würden wir auf unserer Reise nur ein bisschen von dem Glück haben, was wir mit dem Kennenlernen dieser tollen Familie hatten, wäre alles gut. Dann würde sich alles regeln, dafür wurde das Leben schon Sorgen.

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