Unsere letzten Kilometer in Frankreich

Wir rollen zur spanischen Grenze

Mit der Abfahrt von Robin verlassen wir gleichzeitig auch die Bretagne. Wir wollen nun endlich nach Spanien, wenn es geht über den Euro Velo 1. Vorausgesetzt der entpuppt sich nicht als so umweigig wie der Euro Velo 4.

Wir fahren zunächst nach unserer Radfahrkarte bis wir nur noch knappe 2 km vom Euro Velo 1 entfernt sind. Allerdings liegt zwischen diesem und uns eine ziemlich mächtige Brücke, bei der wir uns noch nicht mal sicher sind, dass wir sie als Radfahrer queren dürfen. Google Maps und Komoot sagen beide, dass wir außen herum müssen. Außen herum bedeutet in diesem Falle allerdings 85 zusätzliche Kilometer, nur um Luftlinie 2 km weiter südlich zu landen. Da haben wir nun aber wirklich keinen Nerv zu.

Also fahren wir zur Auffahrt für die Straße, die über die Brücke führt, ziehen noch eine Warnweste an und fahren einfach. Schließlich haben wir auch kein Schild gesehen, welches das eindeutig untersagt. Auf der Brücke stellt sich dann sogar heraus, dass es einen schmalen Streifen gibt, der scheinbar extra für Radfahrer vorgesehen ist. Und so kämpfen wir uns im 1. Gang die Brücke hoch und genießen von dort oben den grandiosen Ausblick. Nur anhalten, um ein vernünftiges Foto zu machen, wollen wir wegen des regen Verkehrs dann doch nicht.

Am Fuße der Brücke entdecken wir sogar direkt den Euro Velo 1, dem wir nun bis zur spanischen Grenze mehr oder weniger folgen. Zumindest wenn wir ihn nicht verlieren. Denn zwischdurch scheinen wir einfach beide schlicht und ergreifend zu dumm zu sein, um die Beschilderung zu sehen oder zu begreifen. Immer wieder müssen wir Maps bemühen, weil wir offensichtlich irgendwo gelandet sind, wo wir nicht sein wollten. Und kein Schild vom Velo weit und breit.

Generell müssen wir allerdings sagen, dass uns der Euro Velo 1, sowie die restliche Westküste nicht mehr ganz so aus den Latschen gehauen hat. Nach den imposanten Küsten der Bretagne war uns die Küste hier zu wenig spektakulär und dafür viel zu touristisch. Mit dem zunehmenden Tourismus wurde es auch entsprechend deutlich schwieriger einen geeigneten Platz zum Wildcampen zu finden.

In diesem Sinne wurden wir zwei Mal morgens recht unsanft aus dem Schlaf gerissen. Das erste Mal von einem Trupp Bauarbeiter. Wir hatten am Ende eines Weges gezeltet, der in den Dünen zum Strand führt und wo die Leute ihre Räder abstellen konnten. Eigentlich wollten wir uns in den Dünen etwas verbergen, hatten am Ende eines langen Tages aber schlicht und ergreifend keine Lust mehr dazu die Fahrräder durch den Sand zu hiefen. Tja, selber schuld. So hörten wir am nächsten Morgen um 7 Uhr plötzlich vier Autos neben uns halten, reichlich Türen knallen, Männerstimmen und lautes Scheppern. Als wir uns aus dem Zelt gekämpft hatten, waren die meisten der Arbeiter schon mit ihren Gerätschaften auf dem Weg in die Dünen. An uns gestört hat sich allerdings niemand und wir wurden lediglich mit einem freundlichen „Bonjour“ und einem schiefen Grinsen in unserem derangierten Zustand mit zerzausten Haaren und kleinen Augen gegrüßt.

Das zweite Mal war schon unangenehmer. Wir waren recht spät abends noch vom Euro Velo zum Meer abgebogen und nachdem wir dort auf einem Parkplatz Tische und Bänke entdeckt hatten und dort nicht ein Auto stand, beschlossen wir kurzerhand an dieser Stelle unser Lager aufzuschlagen. Uns noch in die letzte Ecke zu verziehen, wo vermutlich Hinz und Kunz Pinkeln gingen, wollten wir auch nicht und zelten daher wie auf dem Prasentierteller. Im Grunde fehlte nur noch eine Neonreklame, deren Leichtpfeil auf unser Zelt zeigte. Und einen Wecker stellten wir ebenfalls nicht. Entsprechend schlug am nächsten Morgen eine Autotür zu und unsere Augen auf. Da wollte sicher nur jemand zum Pinkeln gehen. Ganz offensichtlich nicht, denn plötzlich rüttelte es am Zelt und eine Laute Stimme sagte „Police! Come out please!“ Na Klasse! Glücklicherweise war der Polizist sehr freundlich und sprach uns lediglich eine Verwarnung aus, da er uns zum ersten Mal erwischt hatte.

Abgesehen davon hatten wir jedoch auch in diesem Teil Frankreichs nur schöne Begegnungen und während uns der Euro Velo mit seiner flachen Wegführung und aufgrund der ganzen Nadelwälder, durch die man permanent fuhr, mit seiner Eintönigkeit ein wenig langweilte, unterhielten uns die ganzen Bekanntschaften, die wir machten.

Eines Morgens schob sich von hinten plötzlich ein Radfahrer neben mich, der mit seinem Gravelbike deutlich schneller unterwegs war. Dass er überhaupt Gepäck dabei hatte, sah ich erst, nachdem er von seinem Plan erzählt hatte. Corin, Polizist aus Jersey, fuhr von Saint Malo (Frankreich) bis San Sebastian (Spanien) möglichst Off Road, um Geld für eine gute Sache zu sammeln. Da wir uns gegenseitig sehr spannend fanden, kamen wir stillschweigend zu dem Kompromiss, dass wir etwas mehr in die Pedale treten und er einen Gang rausnehmen würde. So fuhren wir gute 45 km zusammen und verabschiedeten uns nach einem gemeinsamen Supermarkt-Lunch voneinander. Wir würden uns vermutlich in ein paar Tagen wiedersehen, da Corin ein paar Halbinseln mitnehmen und wir ihn dann trotz geringer Geschwindigkeit überholen würden.

Vier Tage später war es dann so weit. Ich war grade zum ersten Mal diesen Jahres im Wasser schwimmen gegangen, da entdeckten wir ihn am Ufer wieder. Nach einem erneuten gemeinsamen Lunch verabschiedeten wir uns diesmal für so lange, wie wir brauchen würden, um auf Jersey zu landen und dort herumzuradeln. In diesen vier Tagen hatten wir auch noch Andy aus England kennengelernt. Dieser fuhr den gleichen Weg wie Corin mit dem Unterschied, dass er bereits 66 Jahre alt war und noch immer wild campte. Er war wirklich ein super witziger und unkomplizierter Typ, der uns mit seinen durchschnittlichen 140 km pro Tag in Grund und Boden radelte.

Generell hatten wir auf dem Euro Velo 1 plötzlich das Gefühl auf eine Art Highway für Radreisende gekommen zu sein. Von jetzt auf gleich sahen wir täglich so viele, wie sonst die gesamte Zeit zuvor nicht. Gefallen tat uns das nicht wirklich, schließlich wollten wir eigentlich etwas abseits der üblichen Pfade unterwegs sein. Aber zum einen ist das in einem so dicht besiedelten Gebiet und dazu noch an der Küste so ziemlich unmöglich und zum anderen war der Euro Velo 1 für uns mehr Mittel zum Zweck als alles andere.

Der Euro Velo 1 sieht streckenweise nicht nur aus wie ein Highway, sondern kommt einem auch so vor.

Daher waren wir schließlich auch wirklich froh, als wir wussten, dass dies unser letzter Abend in Frankreich sein würde. Da wir aber schon ahnten, was wir bald vermissen würden, gab es nochmal Baguettes mit köstlichen französischen Käsesorten von Schaf, Ziege und Kuh zum Abendessen. Mit Blick aufs Meer genossen wir unser Essen und freuten uns schon am nächsten Tag endlich ein neues Land, nämlich Spanien zu erreichen.

2 Gedanken zu “Unsere letzten Kilometer in Frankreich

  1. Hallo Marielle, hallo Henning,
    Eure Reise ist faszinierend und die Videos sind besser als meine liebsten Netflix-Serien. Sogar Ruben (11) ist völlig begeistert. Ihr habt also ein breites Publikum.
    Hoffe sehr, dass Ihr weiterhin viel Spass habt und die neuen Herausforderungen meistert.
    Sportliche Grüße
    Hans-Jürgen

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    1. Hallo Hans-Jürgen,
      wir freuen uns wirklich hier von dir zu hören und natürlich, dass Dir und Ruben die Videos so gut gefallen. Morgen kommt übrigens das nächste raus. 🤫
      Ganz liebe Grüße und immer frische Beine, renn ein paar Kilometer für uns mit,
      Marielle und Henning

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