Wie alles begann

„Die größte Sehenswürdigkeit ist die Welt. Sieh sie dir an.“ – Kurt Tucholsky

Die Aussaat des Gedankens geschah im Februar 2018. Henning machte eine Weiterbildung zum Maschinenbautechniker in Vollzeitform und würde daher das erste Mal seit 10 Jahren wieder Sommerferien haben. Das bedeutete sechs Wochen frei! Und da absehbar war, dass so etwas die nächsten 10 Jahre vermutlich nicht allzu schnell wieder vorkommen würde, wollten diese sechs Wochen gut genutzt sein. (Wir hatten ja noch keine Ahnung!) Da Marielle studierte und entsprechend Semesterferien hatte, entstand der Plan eine Fahrradtour zu unternehmen. Allerdings mussten zunächst noch die Klausuren für das Semester geschrieben werden, weshalb der Zeitraum schließlich auf viereinhalb Wochen begrenzt wurde. Während Marielle also noch am Schreibtisch saß und versuchte die korrekte Berechnung von Schraubverbindungen zu begreifen, schraubte Henning bereits praktisch an den Fahrrädern für die geplante Tour.

Übung macht den Meister. Nach dem dritten Platten könnte man im Boxenteam der Formel 1 für Fahrräder mitmachen.

Als es schließlich losging, standen lediglich zweieinhalb Dinge fest. Der Startpunkt Görlitz in Deutschland und dass wir mit dem Rad reisen wollten. Selbst das Ziel war nur ungefähr angepeilt. Wir waren der Meinung, es wäre schön am Ende an der kroatischen Küste anzukommen, wir hatten allerdings noch keinerlei Vorkehrungen für eine mögliche Rückreise getroffen. Entsprechend wäre es am Ende auch nicht tragisch, gänzlich woanders zu landen. Der Gedanke war nicht groß zu planen, sondern zu sehen, was passiert. Am Abend zu schauen, wo man gelandet war und in welche Richtung man am kommenden Tag weiterfahren wollte. Was wiederum klar war: durch Osteuropa sollte es gehen.

Einige fragen sich vielleicht, warum wir uns ausgerechnet für Osteuropa entschieden haben. Zum einen kam die Entscheidung daher, dass wir Zwei unglaublich wenig über diesen Teil von Europa wussten. Lediglich die Berichte und Dokumentationen aus dem Fernsehen hatten uns einen kleinen Eindruck vermittelt. Wir wollten wissen, ob es dort wirklich so ist, wie im Fernsehen dargestellt. Zum anderen hing es damit zusammen, dass viele Leute einen vor dieser Entscheidung gewarnt haben oder versuchten sie uns auszureden. Dort sei es nicht sicher und die Leute dort! Viel zu gefährlich! Das wollten wir nicht einfach so hinnehmen oder glauben, sondern unsere eigenen Erfahrungen machen und den Leuten gegebenenfalls auch zeigen, dass sie mit ihrer Meinung falsch lagen. Wir wollten uns ein fundamentiertes, eigenes Bild machen: aus Erfahrungen, nicht aus Vorurteilen.

Die Reise selbst hat uns so vieles erfahren lassen und gelehrt, was keine Bücher und keine Vorträge der Welt geschafft hätten. Das hing vermutlich auch damit zusammen, dass wir bewusst versuchten touristisch erschlossene Gebiete zu meiden.
Wir durften uns selbst neu kennen lernen, da wir uns ständig in vollkommen neuen und fremden Situationen befanden. Wir konnten merken, wie wenig uns Englisch und wie viel Hände und Füße in diesem Bereich der Welt weiterhelfen, um sich zu verständigen.

Keiner weiß, was der andere sagt, aber man versteht sich trotzdem.

Jedoch konnten wir nicht nur wunderschöne Landschaften bewundern und uns jeden Abend über einen einmaligen Zeltplatz freuen, sondern auch die Schattenseiten der Länder kennenlernen. Das worüber nicht gerne gesprochen wird. Die immensen Müllberge, welche fast überall die Landschaft prägen und die überfahrenen Tiere, meist Schafe und Hunde, bei denen sich keiner die Mühe macht, sie überhaupt von der Straße zu räumen und die erbärmlich stinken. Wenn man allerdings sieht, unter welchen Umständen viele Leute dort leben müssen und es schafft sich mit ihnen zu unterhalten, kann man dieses Verhalten nachvollziehen. Die Sorge um die bloße Existenz beschäftigt die Leute von morgens bis abends. Wenn man in einem Haus ohne Fenster und Türen wohnt und nicht weiß, was man abends essen kann, interessiert einen schlicht nicht, ob im Graben auf der anderen Seite ein überfahrener Köter liegt

Solche Überbleibsel gehören hier teilweise zum Landschaftsbild.

Und besonders diese Leute waren uns gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit. So hatten wir uns einmal auf irgendwelchen Trampelpfaden verfranzt und schließlich half uns ein Mann, den wir trafen und fuhr in seinem klapprigen Auto im Schneckentempo vor uns her, um uns den Weg in den nächsten Ort zu zeigen. Als uns das Wasser an einem Sonntagnachmittag ausging, füllten zwei Männer in Serbien wie selbstverständlich sämtliche unserer Wasserbehälter bei sich zu Hause auf. Die Leute in Rumänien grüßten und winkten häufig freundlich, wenn wir durch die Dörfer fuhren, eine alte Dame fragte, ob wir hungrig sein und es gab viele weitere wunderbare Begegnungen

Natürlich sind nicht alle Menschen gut, aber es sind eben auch nicht alle schlecht und viele Vorurteile schlichtweg nicht richtig. Und das gilt für jedes Land der Welt.

Die prägendste Erfahrung war jedoch das Absenken der persönlichen Glücksschwelle. Man begreift wieder, was für ein Luxus eine Dusche ist, nachdem man eine Woche keine gesehen hat. Ein Eis als Belohnung für eine besonders anstrengende Strecke wird zum absoluten Hochgenuss. Das, was man als Glück empfindet, wird nicht nur wieder kleiner, sondern vor allem auch unmittelbar spürbar. Und das ist nur einer der vielen Gründe, warum wir im April 2020 zu unserer Weltreise aufbrechen wollen.

Selten hat ein Schokoriegel so gut geschmeckt wie nach einer anstrengenden Tour durch die Hügel Serbiens.

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