Wenn aus zwei Monaten zwei Jahre werden

Auf Weltreise starten wollten wir vor inzwischen 15 Monaten am 05.04.2020. Doch kurz vor dem Start kam Corona und wir verschoben unsere Abfahrt in der Annahme, dass sich schnell wieder alles legen würde. Selten haben wir so dermaßen danebengelegen.

Wer sich erinnert: Wir hatten in Hinblick auf unsere Abreise mit Ausnahme unserer Matratze all unser Hab und Gut verkauft, um damit unsere Reisekasse aufzufüllen. Wer sich noch weiter erinnert, hatten wir unsere Wohnung bereits aufgegeben und waren für die letzten vier Wochen in Hennings altes Kinderzimmer bei seinen Eltern gezogen.

Und in diesem saßen wir auch noch nach den geplanten vier Wochen und mussten mit Entsetzen sehen, wie sich das Virus nicht nur immer weiterverbreitete, sondern wie es auch immer mehr das Leben von uns und allen anderen einschränkte. Nach wenigen Wochen war nicht einmal mehr das Reisen innerhalb Deutschlands möglich, ganz davon abgesehen mit dem Fahrrad von Land zu Land zu tingeln. (Freunde von uns, die mit dem Rucksack auf Weltreise waren, mussten ihre Reise aufgrund der Einschränkungen abbrechen und wurden mit der großen Rückholaktion von Südamerika zurück nach Deutschland geflogen.)

Gestrandet im alten Kinderzimmer.

Als diese Tatsache nicht nur bei uns im Bewusstsein angekommen war, sondern wir sie auch verstanden und akzeptiert hatten, standen wir vor der großen Frage: Was machen wir jetzt? Wie lange würde das Ganze dauern? Klar war, dass wir nicht ewig nur mit einer Matratze in Hennings Kinderzimmer wohnen konnten. Genauso klar war aber auch, dass eine Wohnung ohne Möbel nicht viel Sinn ergeben würde. Jedoch Möbel für ggf. nur wenige Monate wieder anzuschaffen, wäre nicht nur unsinnig und zeitintensiv, sondern würde uns auch deutlich mehr kosten als wir durch den Verkauf unserer alten Sachen in die Reisekasse bekommen hatten.

Schließlich entschieden wir dafür uns eine Wohnung zu suchen und unsere Abfahrt um ein Jahr auf das Frühjahr 2021 zu verschieben, da sich der Trubel bis dahin wohl gelegt und sich alles wieder normalisiert haben würde. Naja, wieder danebengelegen.

Die Wohnungssuche gestaltete sich mehr als schwierig. Durch Corona waren die Leute verunsichert und scheinbar in eine Schockstarre gefallen, sodass das Angebot wirklich dürftig war. Schließlich fanden wir eine kleine, aber schöne Wohnung, auch wenn diese in einer Stadt lag, in der keiner von uns beiden je zuvor gewesen ist. So konnten wir zum 01.06.2020 mit all unseren e-Bay-Kleinanzeigen-Möbeln in unsere neue Wohnung einziehen.

Die Wohnung ist wirklich schön und doch war keiner von uns so richtig zufrieden. Wir lebten jetzt in einer Wohnung anstatt wie geplant in unserem Zelt. Anstatt jeden Morgen an einem anderen Ort aufzuwachen, wachten wir nun jeden Tag in einer Stadt auf, in der keiner von uns wirklich sein wollte. Dass die Wohnung für uns nur eine Art Zwischenlösung war, zeigt sich gut daran, dass wir das erste Bild erst im Juli 2021 aufgehangen haben, da wir die ganze Zeit dachten, dass wir uns so überflüssige Spachtelarbeiten sparen würden.

Wir wissen, dass wir unfassbares Glück gehabt haben. Freunde und Familie, die an dem Virus erkrankt sind, haben alles gut überstanden, wir beide haben unsere Jobs behalten, Henning war eine Zeit in Kurzarbeit, aber ich konnte die ganze Zeit voll arbeiten. Aber wir waren nicht zufrieden. Seit Februar 2019 haben wir auf unsere Abreise am 05.04.2020 hingearbeitet. Wir haben versucht durch Trödeln zusätzliches Geld in die Kasse zu bringen, aber vor allem haben wir versucht nicht mehr wirklich Geld auszugeben. Bei allem, was „nice to have“ gewesen wäre, haben wir uns gesagt, dass sich das nicht mehr lohnt, dass wir das Geld auf der Reise besser gebrauchen können. Und dem ist auch so und sich das ein Jahr zu sagen ist auch gut machbar. Aber inzwischen sagen wir uns das seit 2,5 Jahren und das ist inzwischen anstrengend und manchmal einfach nur nervig. Vermutlich wäre es trotz allem besser zu ertragen gewesen, wenn man nicht in dauerhafter Verunsicherung gelebt hätte. Bei keiner Entscheidung war klar, für wie lange es sein würde. Und wir wollten nicht noch einmal in die Situation kommen, in der wir startklar sind, nur um dann doch wieder von vorne beginnen zu müssen.

Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden abzuwarten, bis wir beide vollständig geimpft sind. Anfang des Jahres waren die Aussichten dafür noch nicht all zu rosig, aber vor Kurzem haben wir beide dieses Ziel erreicht. Plötzlich ging es ganz schnell und auf einmal hatten wir die erste Impfung. Das war im Juli. Einige fragen uns, warum wir nicht jetzt losfahren, und wir sprechen das auch regelmäßig wieder durch, weil wir auf heißen Kohlen sitzen. Aber Tatsache ist, dass wir allein die Wohnung schon erst zu Ende Oktober losgeworden wären, wir also erst Anfang November losgekommen wären. Wer schon mal bei 5°C und Dauerregen Fahrrad gefahren ist, hat vielleicht eine Vorstellung davon, wie viel Spaß man dabei hat und dass es uns daher nicht so sehr reizt, direkt vier Monate unter solchen Bedingungen Rad zu fahren. Klar, das kommt irgendwann und das ist auch ok. Aber wenn wir es uns aussuchen können, dann fahren wir lieber mit der Aussicht los, dass dieses Mistwetter sich hoffentlich in vier Wochen bessert und nicht erst in vier Monaten.

Daher ist unsere Entscheidung, dass wir im März 2022 starten. Und wir haben beschlossen, dass wir definitiv starten werden. Sei es, dass wir notfalls erst mal nur Deutschland oder bestimmte europäische Länder bereisen können, aber wir werden starten. Die verbleibende Zeit nutzen wir, um noch ein paar Dinge zu organisieren, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen und unsere Ausrüstung zu testen.

Campen in einer Bauruine. Wir mussten liegengelassenes Baumaterial zum Aufstellen unseres Zeltes verwenden.

In unserem letzten Sommerurlaub haben wir uns nämlich dafür entschieden doch noch ein anderes Zelt zu nehmen. An einem komplett verregneten und nicht sonderlich warmen Tag haben wir unser Zelt schließlich mittags in einer Bauruine aufgeschlagen, um nicht den ganzen restlichen Tag im Zelt liegen zu müssen. Da unser Tunnelzelt allerdings nur stand, wenn es abgespannt war, hat sich das auf dem Betonboden als sehr schwierig erwiesen. Aus diesem Grund haben wir unser Tunnelzelt gegen ein freistehendes Kuppelzelt getauscht und TerraCamp war so nett uns bei dem Umtausch entgegenzukommen. Und eben jenes neue Zelt sowie den ein oder anderen Ausrüstungsgegenstand wollen wir testen. Und zwar drei Wochen lang in Norwegen, wo es in wenigen Wochen hingeht.

Wir freuen uns riesig darauf und werden berichten.

2 Gedanken zu “Wenn aus zwei Monaten zwei Jahre werden

  1. Wow, was für eine Geschichte (zusammen mit den anderen Blogeinträgen). Toll geschrieben, als Leser konnte man wirklich mit fiebern, wie ihr die Reise 2020 starten wolltet und wie schwer die anschließenden 2 Jahre gewesen sein mussten. Sich von allem Hab und Gut zu trennen, für die Freiheit im Herzen und dann mit nichts dastehen. Ich freue mich wirklich für euch beide, dass ihr die Reise nun doch starten konntet. Ich wünsche euch ganz viel Glück und alles Gute!

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    1. Hallo Toby,
      vielen Dank für deine lieben Worte, das freut uns sehr.
      Ja, das war tatsächlich sehr schwierig für uns. Zum Glück haben wir ein super Umfeld, das uns aufgegangen hat. Und außerdem war es so für uns wie mit einem Tattoo: Wenn Du drei Jahre drauf warten musst und Dir immer noch sicher bist, dass Du es willst, ist es definitiv das Richtige!
      Wir sind jetzt auf jeden Fall überglücklich endlich unterwegs zu sein.
      Liebe Grüße!

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