Unser Frankreich-Fazit

Tops und Flops

Eigentlich wollten wir überhaupt nicht nach Frankreich. Unser ursprünglicher Plan war über Polen durch die Ukraine und Moldawien nach Rumänien ans Schwarze Meer zu fahren. Das hatte sich allerdings eine Woche vor Abfahrt ganz schnell erledigt und so fuhren wir nach Westen statt nach Osten. Entsprechend unmotiviert wollten wir durch Frankreich einfach nur möglichst schnell durchfahren – vielleicht zwei Wochen – um dann zumindest weiter südlich in Spanien im Warmen herumzudümpeln. Wie das Leben aber nun mal so ist, wurden aus geplanten zwei Wochen ganze Sieben und wir freundeten uns mit dem Land, auf das wir doch so wenig Lust gehabt hatten, und vor allem mit seinen Landsleuten mehr als an. In diesem Artikel wollen wir ein kurzes Fazit zu dem Land ziehen und über ein paar Dinge erzählen, die uns aufgefallen und in den bisherigen Artikeln vielleicht noch nicht so zur Sprache gekommen sind.

Radfahren in Frankreich

Zunächst zu dem, was wir in Frankreich am meisten gemacht haben: Fahrrad fahren. Hierfür ist Frankreich ein echtes Paradies, für welches es unzählige Karten in verschiedenen Detaillierungsgraden gibt. Nicht nur, dass es ausgebaute Radwege gibt, die abseits der Straßen durch die Landschaft führen und die man sich lediglich mit Fußgängern teilen muss. Auch in großen Städten haben die Franzosen inzwischen viel für Radfahrer gemacht. So gibt es ganze Fahrspuren, die Radfahrern vorbehalten sind und Einbahnstraßenregelungen gelten lediglich für Kraftfahrzeuge und als Radler kommt man schnell und ohne Umwege überall durch. Und selbst, wenn man sich doch mal mit motorisiertem Verkehr den Weg teilen muss, kann man ganz entspannt sein. Die Franzosen sind ein Radsportvolk und das merkt man auch an der Art und Weise, wie man von Autos und LKWs überholt wird. Wir hatten in den sieben Wochen nicht eine unangenehme Situation. Es wird grundsätzlich beim Überholen mehr als ausreichend Abstand gehalten. Dass mal nur 2 m dazwischen liegen, ist schon selten. Und bevor die Autofahrer eine brenzlige Situation riskieren, tuckern sie lieber Minuten lang hinter einem her ohne anschließend mit heulendem Motor an einem vorbeizurasen. Das machte selbst das Fahren auf großen Straßen recht entspannt.

Die einzigen beiden Dinge, welche die Franzosen einfach nicht können sind 1. eine durchgehende Beschilderung und 2. vernünftig abgeflachte Bordsteine. Wie oft wir beispielsweise den Euro Velo verloren haben, obwohl wir zu zweit nach den Schildern Ausschau halten konnten, sie aber nicht gesehen haben oder es einfach keine gab. Oft gab es auch welche, aber diese waren so uneindeutig angebracht oder es fehlte komplett die Richtungsangabe, dass wir nur mutmaßen konnten, wo wir denn her fahren sollten. Der 2. Punkt war aber fast noch nerviger. Selbst auf Wegen, die ausschließlich für Radfahrer vorgesehen waren, waren die Bordsteine nur halbherzig abgeflacht. Eine Kante von mindestens 5 cm blieb immer oder der Radweg endete einfach an einem hohen Bordstein. Natürlich ist das nicht dramatisch, aber mit einem beladenen Fahrrad um die 50 kg, das dazu noch null gefedert ist, ist das einfach nur nervig und weder für Fahrrad noch für die daran befestigte Ausrüstung oder unsere Hintern förderlich.

Was uns übrigens auch noch auffiel war, dass es sehr wenige Franzosen gibt, die mit dem Rad reisen. Es gibt unzählige Rennradfahrer, die einen vor allem am Berg kräftig anfeuern, dann noch viele E-Mountainbiker, in Städten natürlich Mengen an Leuten, die das Rad für kurze Strecken nutzen, aber Radreisende haben wir nur drei aus Frankreich getroffen (wenn man unsere Warmshower Hosts ausnimmt).

Mülleimer

Wir haben leider nicht herausgefunden, warum dem so ist, lediglich eine Vermutung haben wir gehört. Nach ein paar Tagen in Frankreich viel uns nämlich auf, wie unfassbar wenig Mülleimer es an öffentlichen Orten gibt. Da, wo man sie definitiv erwarten würde, an Rastplätzen, auf Marktplätzen, entlang von Spazierwegen, bei Picknickbereichen, waren einfach keine Mülleimer zu finden. Teilweise gab es so wenig, dass wir unseren Müll sogar einmal 35 km mit uns herum fuhren bis wir ihn endlich abschmeißen konnten. Für diesen Umstand sei noch gesagt, dass erstaunlich wenig Müll in der Gegend herumliegt.

Die Vermutung, die wir dazu hörten, war, dass sehr viele Mülleimer vor einigen Jahren abgebaut wurden um weniger potenzielle Verstecke für Bomben oder ähnliches zu bieten. Frankreich hier ein gebranntes Kind. Ob dem tatsächlich so ist oder ob es einfach nur daran liegt, dass öffentliche Mülleimer schlicht und ergreifend regelmäßig geleert werden müssen und das eben Geld kostet, konnte uns niemand sagen. Falls es jemand weiß: Verratet es uns bitte, wir lernen immer gerne dazu.

Graffiti

Als Kinder des Ruhrgebiets ist Graffiti für uns eine so normale Sache, dass sie uns überhaupt nicht auffällt. Wo wir herkommen, kann man keinen Stein werfen ohne etwas besprühtes zu treffen. Wände, Bushaltestellen, Züge, einfach alles. Wie wir in Trier feststellen durften, wird manchmal leider auch vor Jahrhunderte alten Gemäuern kein Halt gemacht. Daher fiel uns irgendwann in Frankreich, vor allem nachdem wir in Paris waren, das Fehlen von Graffiti auf. Es war wirklich selten, dass man mal auf etwas davon traf. Wir unterhielten uns auch mit Philippe darüber und er bestätigte, dass uns unsere Wahrnehmung nicht trog und fand es im Gegenzug wiederum erstaunlich, dass es bei uns davon so viel gibt.

Käse

Ich bin absolute Käseliebhaberin und habe damit mein Paradies in Frankreich gefunden. Ja, auch in Deutschland, Österreich, der Schweiz und so weiter gibt es guten Käse, aber der in Frankreich toppt einfach alles. Wir sind Philippe an dieser Stelle sehr dankbar, der uns in der Zeit, die wir bei ihm verbringen durften, an Käse herangeführt hat, den wir zu Hause nicht mal mit dem Hintern angeguckt hätten. Vor allem ich komme hier auf meine Kosten, da es unzählige Sorten von Schafs- und Ziegenkäse gibt. Und selbst Henning, der nach einem etwas traumatischen Erlebnis vor ein paar Jahren nie wieder Ziegenkäse angerührt hat, fand großen Gefallen an den hiesigen Sorten. Und so bürgerte es sich ein, dass wir mittags fast täglich ein Baguette mit einem leckeren, oft sehr stark riechendem Käse verspeisten. Wir lernten außerdem, dass es zwei Lager in Frankreich gibt. Die einen, die ihr Baguette und ihren Käse mit einem Glas Wein genießen und die anderen. Wir zählten außer in der Zeit bei Philippe zum zweiten Lager. Zum einen, da es etwas ins Geld gegangen wäre jeden Tag Wein zu trinken und zum anderen, da wir bei der ganzen Anstrengung sonst vermutlich sofort knülle gewesen wären. Aber der französische Käse schmeckt auch ohne Wein köstlich.

Crepês

Was wir zu Hause schon immer gern gegessen haben, hat hier vollkommen andere Dimensionen erreicht. Nicht nur dass die Crepês hier tatsächlich besser schmecken. Wenn man sie auf die Hand kauft, werden sie auch viel sinnvoller verpackt und es gibt einfach so unfassbar leckere Varianten. Sagenhaft. Wir haben nach der Zeit in der Bretagne, wo Crepês ein heimisches Gericht sind, für uns beschlossen, dass wir später zu Hause definitiv eine Crepêsplatte bekommen. Es ist einfach ein wirklich tolles Gericht, dass man bei einem geselligen Abend mit Freunden und Familie ohne großen Stress machen kann, vor allem da diese einfach klein geschnitten und geteilt werden können, sodass man während des Wartens etwas zu snacken hat. Vom Prinzip her erinnert es ein wenig an Raclette, da es diese sehr gesellige Komponente hat. Und es ist einfach was für jeden, da sich jeder seinen Crepês gestalten kann, wie er möchte. Henning konnte unter der Aufsicht von Malo auch schon üben selber einen zu machen, auch wenn der von der Dicke her eher noch an einen Pfannkuchen erinnerte. Mal sehen, vielleicht übernehmen wir sogar die Tradition van Malo, bei dem es von Kindesbein an zu Hause jeden Freitag Crepês gab. Und die, die übrig bleiben, kann man perfekt am nächsten Tag frühstücken.

Die Sprache

Damals in der 7. Klasse, was inzwischen einfach schon viel zu lange her ist, haben Henning und ich uns cleverer Weise beide für Latein statt französisch entschieden. Seit unserer Zeit in Frankreich können wir nun aber zumindest verstehen, warum scheinbar niemand, der Französisch gewählt hatte, in der Lage war eine anständige Note hinzubekommen. Henning und ich scheiterten schon bei den Städtenamen. Wir konnten immer nur raten, wie man Orte wie Quimper, Vannes oder Morlaix ausspricht. In der Regel lagen wir weit daneben. Das machte es auch nicht unbedingt einfacher, wenn uns jemand fragte, ob wir an einem bestimmten Ort gewesen sind oder versuchte uns eine Richtung zu erklären. Denn wenn wir anschließend auf eine Karte schauten, fanden wir die Orte, die wir doch grade gehört hatten, dort einfach nicht wieder. Denn „Kamper“, „Wenn“ oder „Murlei“ gab es zumindest auf der von uns gekauften Karte nicht.

Aber es war nicht nur das Französisch, das uns fertig machte, sondern auch das Englisch. Denn man fand kaum jemanden, der Englisch konnte. Wir versuchten herauszufinden, woran das lag. Die erste Erklärung war das schlechte Schulsystem. Nachdem uns dieses aber erklärt worden war, stellten wir fest, dass es vom Prinzip dem Deutschen entspricht und die meisten Franzosen ab der 7. Klasse Englisch lernen, wenn sie nicht grade Deutsch als Fremdsprache wählen. Das konnte es also nicht wirklich sein. Natürlich war uns klar, dass auch bei uns zu Hause die wenigsten nach der Schule perfektes oder fließendes Englisch sprechen, aber gar nichts zu verstehen oder nicht mal eine Wegbeschreibung hinzubekommen, ist schon erschreckend. Die einleuchtendere Erklärung, warum zumindest viele Ältere gar nichts verstanden war, dass in Frankreich viele Bereiche, darunter auch die Bretagne vor nicht all zu langer Zeit eingegliedert wurden. Diese hatte wie beispielsweise auch das Baskenland eine gänzlich eigene Sprache, die von den Franzosen auch nicht zu verstehen war. Nach der Eingliederung war es den Leuten jedoch verboten diese Sprache zu sprechen und wurde sogar bestraft. Es durfte ausschließlich französisch gesprochen werden. Alles andere war verboten oder verpönt. So kam es für diese Generation, dass nur Französisch wichtig war. Die französische Sprache bedeutete die Moderne und alles andere brauchte man nicht. So eben auch Englisch nicht und entsprechend wenig wurde es auch bei der folgenden Generation gefördert.

Da wir jedoch immer viel auf die Hilfe von anderen Leuten angewiesen sind, lernten wir zumindest ein paar Sätze und Wörter, um uns mit diesen in Kombination mit Händen und Füßen zu verständigen. Und siehe da: Klappt auch.

Die Menschen

Dass dies so gut klappte, lag auch viel an den Menschen selber. Was uns nämlich am einprägsamsten in Erinnerung bleiben wird, ist die Hilfsbereitschaft der Franzosen. Diese zeigte sich uns in allen Facetten. Als Hennings Rahmen kaputt ging und uns jemand nach grade mal 15 Minuten einfach für die Nacht zu sich nach Hause einlud. In Philippe, der nach einer 30 minütigen Unterhaltung sein Haus für uns öffnete und uns fast eine Woche mit Essen verwöhnte und uns bei sich wohnen ließ. In Britta, die uns ebenfalls nach einem kurzen Gespräch einfach ihre Handynummer gab und sagte, dass wir uns jederzeit bei ihr melden sollen, wenn wir Hilfe oder einen Dolmetscher in Frankreich benötigen. In Robert und Brigitte, bei denen wir über Airbnb blieben und die uns zu Kaffee und Keksen, einem deftigen Mittagessen und einem Ausflug in ein malerisches Dorf einluden. Eine Begegnung ist uns auch in bleibender Erinnerung geblieben, nicht weil sie so aufregend war, sondern weil wir so beeindruckt waren. Es war abends, und wir hatten eine Stelle für unser Zelt neben einer Picknickbank gefunden. Eigentlich wollten wir unser Zelt aufbauen, aber grade als wir an der Bank angekommen waren, waren zwei halbstarke Jungs mit ihrem Motorroller an dem etwa 100 m über die Straße entfernten Picknick Platz angekommen. Dort versuchten sie den Reifen qualmen zu lassen, filmten sich dabei und machten eben das, was man in dem Alter so an Unfug im Kopf hat. Nachdem sie aber einfach nicht gehen wollten, fing ich schließlich an das Zelt aufzubauen und was passierte natürlich? Die beiden setzen sich, nachdem sie das entdeckt hatten, sofort auf ihren Roller und kamen herüber. Super, dachten wir. Das kann ja nur ätzend werden. Was dann folgte war das komplette Gegenteil von dem, was wir erwartet hatten. Einer der Jungs begrüßte uns höflich und fragte, nachdem wir „Allemagne“ und „English or Deutsch“ gesagt hatten, in sehr gebrochenem Englisch, ob wir Hilfe oder irgendetwas benötigten. Wir waren baff. Das nötigte uns wirklich Respekt ab, denn wir waren uns einig, dass wir in dem Alter 1. nicht zu irgendwelchen wildfremden und leicht abgeranzten Leuten gegangen wären und 2. diesen Leuten vermutlich nicht auf gebrochenem Englisch auch noch unsere Hilfe angeboten hätten.

Aber es war ohnehin auffällig, wie höflich auch die Kinder alle waren. Wir wurden von diesen immer gegrüßt. Allerdings auch von den Erwachsenen. Wir fragten uns, ob das hier einfach so war oder daran lag, dass wir mit unseren beladenen Rädern eben einfach aus dem Rahmen vielen und so eindeutig Reisende waren. Es war jedoch definitiv eine wirklich schöne Erfahrung, denn nach einem „Bonjour“ ist die Hürde, die es für den ein oder anderen vielleicht gibt, wenn es um das Thema nach Hilfe fragen geht, viel niedriger, da man ja schon in Kontakt getreten ist.

Unser Fazit

Alles in Allem können wir daher nur sagen, dass wir, auch wenn wir dort gar nicht hin wollten, im Grunde nur Gutes mit Frankreich verbinden und froh sind dort gewesen zu sein und auch wirklich dort gewesen zu sein indem wir dort so viel Zeit bei den Leuten verbracht haben. Wir wissen auch jetzt schon, dass wir Britta und Greg mit Familie und unseren Freund Philippe gerne wiedersehen möchten, wenn wir wieder zurück sind. Wenn es noch darum geht, welcher Teil Frankreichs uns denn am besten gefallen hat, dann ist es ganz eindeutig die Bretagne. Klar, das Wetter ist dort nicht immer das Beste, aber die Landschaft reißt das allemal wieder raus. Das sagt sogar Henning, der ursprünglich überhaupt nicht dort hin wollte.

Wer den Bericht zur Bretagne verpasst hat oder nochmal nachlesen möchte, findet diesen hier.

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