Ankunft an der spanischen Nordküste

Fehlstart ins Land Nummer 5

Spanien selbst war nicht schwierig zu finden, das Grenzschild hingegen schon. Wir fuhren die letzten Kilometer in Frankreich auf einem Radweg, welcher idyllisch an einem Fluss, offensichtlich die Grenze zwischen den beiden Ländern, entlang führte. In der Ferne konnten wir auch schon die Pyrenäen mit ihren hohen Bergen ausmachen. Schließlich fanden wir endlich eine Brücke, die uns über den Fluss führte. Aber waren wir jetzt schon in Spanien? Wir hatten kein Grenzschild gesehen, an dem wir sonst immer unser Ankunftsfoto machten. Die Schilder schienen jedoch auf spanisch zu sein, was wir allerdings genauso wenig verstanden wie Französisch. Wir zogen also Google Maps zu Rate.

Tatsächlich: Wir waren schon in Spanien. Hatten wir das Grenzschild übersehen? Wir fuhren zurück zur Brücke, aber nichts. Das gab es doch gar nicht. Wir schauten nochmals auf die Karte und entdeckten ein paar Kilometer weiter noch eine Brücke. Dort wollten wir es nochmal probieren bevor wir uns geschlagen geben würden. Bis dort war es ein ziemliches Rumgeeiere, aber weitere 5 km später hatten wir die andere Brücke schließlich erreicht und entdeckten auch endlich das spanische Grenzschild. Dieses war zwar schon leicht ramponiert, aber nun waren wir ganz offiziell in Spanien.

Wir haben Spanien und damit Land Nummer 5 erreicht.

Unmittelbar hinter der Grenze legten wir eine Mittagspause ein und endlich rissen auch die Wolken auf, die uns auf den letzten Kilometern in Frankreich begleitet hatten und die Sonne schien, wie man sich das von Spanien vorstellt. Da wir mal wieder keinen Plan für das Land vorzuweisen hatten, uns die Nordküste aber sehr ans Herz gelegt worden war, wollten wir dieser zunächst folgen und radelten von Irun an der Grenze weiter nach San Sebastian. Das erste Stück war ziemlich nervig, da es an einer vierspurigen Straße entlang ging und entsprechend laut war. Teilweise wirkte es sogar als seien wir auf einer Autobahn gelandet, aber der offiziell ausgewiesene Radweg nach San Sebastian führte dort entlang. Wir zogen allerdings lieber unsere Warnweste über. Schön war auf jeden Fall anders. In San Sebastian angekommen wurden wir allerdings dafür entschädigt. Denn hier gab es eine Fahrradtrasse, die quer durch die Stadt lief und fern ab der Straßen lag. Hier konnten wir nervlich wieder etwas runter und gedanklich wirklich in Spanien ankommen.

Nachdem wir am Meer in San Sebastian den Surfern eine Weile beim Wellenreiten zugeschaut hatten, fuhren wir schließlich weiter. Und mit dem Ende der Stadt nahm uns die Nordküste und das was die nächsten Wochen auf uns zukommen würde in Empfang: Es ging bergauf. Aber nicht einfach nur ein bisschen oder leicht bergauf. Trotz im Stehen fahren und kleinstem Gang mussten wir zwischdurch immer wieder anhalten, um nicht einfach vom Fahrrad zu kippen. Dass wir seit der Bretagne auch kaum noch nennenswerte Höhenmeter gefahren waren, tat sein Übriges. Der Schweiß lief in Strömen und sofort kamen Zweifel, wie wir das wochenlang aushalten sollten. Denn wenn wir hier an der Nordküste fahren wollten, blieb uns gar nichts anderes übrig. Wer sich diese Region auf einer Karte anschaut, wird bemerken, dass es direkt an der Küste nur eine einzige Straße gibt, die durchgängig verläuft und keine Autobahn ist. Und auf der befanden wir uns. (Die Berge an der Küste sind übrigens entstanden, als damals zwei tektonische Platten aufeinander getroffen sind. Dadurch ist die Küste aufgetürmt worden und daher verlaufen die Berge auch alle in die gleiche Richtung.)

Die Zweifel verschwanden allerdings zum Glück schnell wieder als wir endlich oben angekommen waren. Nicht nur dass die Aussicht gigantisch war, sondern auch das Gefühl sich hier hoch gekämpft zu haben erfüllte uns mit Zufriedenheit. Und so anstrengend Berge auch sind, landschaftlich bieten sie einfach am meisten. Und so fuhren wir oben weiter über den Bergrücken und genossen den Ausblick. Als es jedoch Abend wurde, tat sich ein neues Problem auf. Wir fanden einfach keinen Platz zum Zelten. Denn abseits der Straße ging es links steil den Hang rauf und rechts runter. Abgesehen davon, dass fast alle Flächen eingezäunt waren und darauf Rinder grasten. Schließlich fragten wir einfach einen Mann in einem Auto, das uns entgegen kam, ob er einen Tipp für uns habe bezüglich eines Zeltplatzes. Hatte er und abgesehen von einer Wegbeschreibung erfuhren wir noch zwei weitere Dinge:

1. Wir waren gar nicht in Spanien, sondern im Baskenland. Wir hatten nämlich bereits in Frankreich versucht ein wenig spanisch zu lernen und uns nach dem Tipp für einen Schlafplatz höflich auf spanisch bedankt. Mit der Reaktion „Behalt Dein scheiß Spanisch für Dich, hier ist das Baskenland“ hatten wir eher weniger gerechnet. Aber wir sollten auch später während unserer Zeit im Baskenland lernen, dass die Basken ein sehr stolzes Volk sind, die weniger mehr hassen, als wenn man zum Baskenland „Spanien“ sagt. Die Polizei mögen sie geschichtlich bedingt ebenso wenig. Ansonsten haben wir die Basken jedoch als sehr freundliches, hilfsbereites und entspanntes Völkchen erlebt. Dies machte das Wildcampen auch sehr angenehm.

2. Tatsächlich nicht nur die Basken, sondern die Spanier an und für sich sind sehr entspannt. Denn während wir uns auf dieser engen Straße wegen der Wegbeschreibung unterhielten, blockierten wir den kompletten Weg und niemand kam mehr durch. In Deutschland hätte da spätestens nach 20 Sekunden jemand gehupt (vermutlich wäre ich die erste mit der Hand auf der Hupe gewesen), aber hier hupte niemand. Man wartete einfach, dass man gleich wieder weiterfahren konnte.

Schließlich verabschiedeten wir uns mit der Info für den Zeltplatz und dem neu gelernten „Eskerrik Asko“ (Dankeschön auf Baskisch), fuhren weiter und lösten somit auch den kleinen Stau auf, den wir verursacht hatten. Der Tipp für den Zeltplatz stellte sich auch tatsächlich als wirklich gut heraus und wir hatten sogar den Luxus von Tisch und Bank. Und so konnten wir noch in aller Manier kochen und essen und dann einen wunderschönen Sonnenuntergang vom Rücken des Berges betrachten. Schließlich gingen wir mit ziemlich leeren Beinen, dafür aber mit vollem Bauch schlafen.

Ob es dann vielleicht doch ein bisschen zu viel Essen war? Wir wissen es nicht. Alles was wir wissen ist, dass es plötzlich 1:30 Uhr nachts war und Henning mich weckte, weil seine Isomatte Luft verlor. Ich war mir ziemlich sicher, dass nur das Ventil nicht richtig zu war, schließlich war das die 3. Matte und wir hatten diese grade mal zwei Wochen im Einsatz. Als Henning sich dann jedoch bewegte, war auf einmal alles weiß und im Licht der Kopflampe konnten wir das volle Ausmaß der kleinen Katastrophe sehen. Das komplette Zelt war weiß und dieses Weiß waren die Daumen, die eigentlich in Hennings Isomatte hätten sein sollen. Allerdings war eine der Kammern aufgeplatzt und einfach alles war voll, inklusive uns. Das hieß aber natürlich auch, dass nicht nur die Daune aus der Matte raus war, sondern auch die Luft. Und auch, wenn wir aufgrund der dritten Matte inzwischen mehr als reichlich Flickmaterial für die Isomatte hatten, war bei dieser Matte nichts mehr zu flicken. Der Riss war gute 20 cm lang. Da guckten wir, aber vor allem Henning, der mit seinem Hintern auf dem harten Boden saß, ziemlich dumm aus der Wäsche. Um 1:30 Uhr nachts mitten auf einem Bergrücken war hier allerdings wenig zu machen und so versuchten wir nur die meisten Daunen aus dem Zelt zu befördern, um diese beim Schlafen nicht einzuatmen. Henning stand definitiv eine harte Nacht bevor, wobei er immerhin noch auf einer ganz dünnen Isomatte von mir schlafen konnte, die ich dabei hatte, um mich bei kaltem oder nassen Wetter Mal auf den Boden setzen oder legen zu können. Immerhin besser als nichts.

Am nächsten Morgen konnten wir alles nochmal bei Tageslicht betrachten, aber es sah noch immer genauso schlecht aus, wie auch schon in der Nacht. Vor allem hatten sich auch um das Zelt inzwischen die ganzen Daunen verteilt und es sah aus, als ob Frau Holle explodiert wäre. Es musste also ein Ersatz her. Wir googelten und fanden schließlich einen Decathlon in 75 km Entfernung, allerdings mit einigen Bergen und den zugehörigen Höhenmetern dazwischen. Aber eine großartige Wahl hatten wir nicht, denn morgen war Sonntag, was andernfalls bedeuten würde, dass Henning noch zwei Nächte auf dem dünnen Etwas von Isomatte schlafen müsste. Also packten wir zügig alles ein und fuhren los.

Ich merkte allerdings recht schnell, dass etwas nicht stimmte. Schon beim Aufwachen hatte ich Kopfschmerzen, was ich allerdings auf die unruhige Nacht zurückführte. Als ich jedoch nach einer knappen Stunden Sehstörungen (Aura) auf dem linken Auge bekam, wusste ich, dass ich ein Problem hatte, denn auf dieses Symptom folgten bei mir grundsätzlich Migräne oder zumindest migräneartige Kopfschmerzen. Und so kam es auch. Um 11 Uhr saß ich schließlich vor einem kleinen Lebensmittelladen, mir war übel, alles war zu laut und zu hell und ich konnte mich nicht mehr all zu gut bewegen. Und wir hatten noch 50 km vor uns. Klasse. Henning und ich besprachen, ob er vorfahren und ich nachkommen sollte, wenn es ging oder er ansonsten zurückkommen müsste. Beides eher schlechte Optionen. Schließlich machte ich, was man nicht machen soll, nahm einige Schmerztabletten, wartete zwanzig Minuten, um ihnen die Chance zu geben ihre Wirkung zu entfalten und stieg dann wieder aufs Rad. Die nächste halbe Stunde versuchte ich einfach mich nicht zu übergeben, den Kopf möglichst ruhig zu halten und nicht vom Fahrrad zu fallen.

Mir platzt der Kopf: Ich habe zu allem Überfluss auch noch Migräne.

Und ich hatte Glück. Irgendwann wirkten die Tabletten und die vermehrte Flüssigkeit und ich konnte zumindest einfach „nur“ noch mit starken Kopfschmerzen weiterfahren, wobei grade die vielen Höhenmeter kritisch waren. Komplett abgekämpft kamen wir schließlich um 19 Uhr beim Decathlon an. Hier gab es zwar keine sonderlich große Auswahl, aber schließlich ging es auch erst mal nur um eine Übergangslösung bis Henning sich für eine neue Matte entschieden hätte. Am Ende nahm er einfach die Matte, die wir 2018 auch bei unserer Osteuropatour dabei hatten. Hier wusste er, worauf er sich einlassen würde.

Mit der neuen Matte fuhren wir nur noch knappe 500 m weiter. Wir hatten beide genug für diesen Tag und suchten uns somit einfach nur ein Stück Wiese, wo wir unser Zelt aufbauen, Henning seine neue Isomatte testen und wir hoffentlich eine ruhigere Nacht haben würden.

Zum Glück geschafft: Henning hat eine neue Isomatte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s