Unterwegs mit Corona

Krank auf Reisen

Generell lässt sich wohl sagen, dass niemand gerne krank ist. Unterwegs, fernab von zu Hause ist das Ganze dann noch unerfreulicher als ohnehin schon. Aber wenn man dann auch noch so reist, dass eine Fortbewegung nur durch körperliche Anstrengung möglich ist und man sich abends nicht in ein gemütliches Bett legen und die Außenwelt ausblenden kann, dann wird es richtig unschön.

All das durften wir einen Tag nach unserer Ankunft in Italien am eigenen Leib erleben. Henning war am Vortag schon nicht so richtig in Fahrt gekommen, aber wir hatten angenommen, dass es einfach daran lag, dass wir die letzten Stunden des Tages in sengender Hitze nur bergauf gefahren waren. Als er jedoch am nächsten Tag mit Kopf- und Halsschmerzen erwachte, sagte ich, er solle mal einen Corona Selbsttest machen, schließlich fuhren wir diese für genau einen solchen Fall mit uns herum. Gesagt, getan. Und 15 Minuten später hatten wir den Salat in Form eines positiven Testergebnisses: Henning hatte Corona.

Schlechte Nachrichten: Henning ist Corona positiv.

Trotz der Beschwerden von Henning hatten wir beide wohl nicht damit gerechnet, denn wir schauten ziemlich dumm aus der Wäsche als der zweite Strich auf dem Teststreifen auftauchte. Danach kam Bewegung auf. Zumindest bei mir, denn Henning hatte ich drei Meter weiter weg verbannt. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass ich mich noch nicht angesteckt hatte, wollten wir versuchen, dass ich kein Corona bekam. Daher fing ich an in unseren Sachen zu kramen und erst einmal alles aufzuteilen, was wir sonst logischerweise in gemeinsamen Taschen haben. Dazu zählten beispielsweise unsere Zahnbürsten, Handtücher oder das Essgeschirr. Henning sah mir Recht ungläubig vom Rand des Geschehens zu, wie ich alles auseinanderpflückte und mir dabei immer wieder die Hände desinfizierte.

So ein Mist. Und das ausgerechnet in dem einzigen Land, in dem wir nur eine begrenzte Anzahl an Tagen zur Verfügung hatten. Wir waren in Civitavecchia mit der Fähre aus Spanien angekommen und würden von Ancona aus eine weitere Fähre nach Kroatien nehmen. Das bedeutete, dass wir Italien von West nach Ost queren mussten. Wie genau wir das nun anstellen wollten, wussten wir auch nicht. Die Situation überforderte uns etwas, grade weil nur einer von uns positiv war. Erschwerend kam hinzu, dass wir in Kroatien mit meiner Schwester und Familie auf einem Campingplatz verabredet waren und wir uns wirklich sehr darauf gefreut hatten. Henning wäre bis dahin auf alle Fälle negativ, aber sollte ich mich erst recht spät bei ihm anstecken, würde das kurze Wiedersehen bevor wir wirklich in den Osten aufbrechen würden, ins Wasser fallen. All das schwirrte durch unsere Köpfe, wobei Fähre oder Familienbesuch hin oder her immer klar war, dass die Gesundheit an erster Stelle stand. Daher war Henning von nun an derjenige, der den Ton angab.

Zunächst fuhren wir nach dieser unerfreulichen Nachricht am Morgen mit den Rädern daher nur bis zu einem nahegelegenen See in der Hoffnung, dass wir dort unser Zelt fernab von anderen Leuten für mehrere Nächte aufschlagen könnten und Henning sich einfach ausruhen und erholen könnte. Aber schon als wir am See ankamen, war klar, dass das nichts werden würde. Dafür war alles viel zu zugebaut und zu touristisch. Da es Henning allerdings wirklich schlecht ging, verbrachten wir den restlichen Tag im Schatten von zwei Bäumen, wo Henning ein wenig schlafen konnte. Gegen Abend war die Frage: Wie geht es weiter? Ein Hotel wollten wir zunächst vermeiden, da ich mich dort unter Garantie anstecken würde. Mein Vorschlag war, dass wir uns irgendwo einen halbwegs vernünftigen Platz suchten, was Trinkwasser und eine Einkaufsmöglichkeit in der Nähe sowie Schatten und eine halbwegs ruhige Lage bedeutete, Henning sich dort auskurieren würde und wir mit dem Zug nach Ancona fahren würden. Dieser Vorschlag traf bei Henning jedoch auch auf wenig Gegenliebe, schließlich wollte er in der wenigen Zeit, die wir ohnehin nur in Italien hatten, auch etwas vom Land sehen. Und so begann unser neuer Alltag für uns.

Wir schliefen jeden Morgen aus bzw. solange Henning schlafen konnte, denn Schlaf ist ja oft die beste Medizin. Dann standen wir auf, jeder räumte seine eigenen Sachen aus dem Zelt und den Rest baute ich ab und machte anschließend Frühstück. Nicht nur, weil Henning sich ausruhen sollte, sondern vor allem, da er nach Möglichkeit nichts mehr anfassen sollte, was ich auch anfasste. Nach dem Frühstück ging es dann los, ich immer vorne weg. Ich könnte jetzt Gönnerhaft sagen, dass ich vorne fuhr, damit Henning im Windschatten weniger arbeiten musste, aber in erster Linie fuhr ich so nicht in der Aerosolwolke, die er beim Ausatmen hinter sich herzog. Gegen Mittag suchten wir uns immer einen Supermarkt mit viel Schatten und verbrachten hier teilweise bis zu 5 Stunden, da wir Temperaturen an die 40°C hatten und man dies schon kaum in gesunder Verfassung in Ruhe ertrug. Noch weniger ertrug man sie krank auf dem Fahrrad. Beim Supermarkt gab es dann meist Kefir, Joghurt oder Eis gegen Hennings Halsschmerzen, wobei die Sorte egal war, da er auch noch seinen Geschmackssinn verlor. Einkaufen ging natürlich immer nur ich und das, wie vorher auch schon immer, nur mit FFP2 Maske. Auch wenn ich noch immer negativ war, ich testete mich immer wieder, wollten wir kein Risiko bezüglich anderer Leute eingehen. Gegen Abend fuhren wir in der Regel dann nochmal 1 – 2 Stunden und suchten uns dann eine Stelle zum Zelten. Das war auch zur neuen Herausforderung geworden, denn wir hatten aufgrund von Corona ein neues Arrangement im Zelt getroffen. Hieß, dass wir nun in entgegengesetzter Richtung mit offenen Türen und aufgezogenen Masken schliefen. Das wiederum bedeutete, dass wir nicht einfach nur eine halbwegs ebene Fläche benötigten, sondern eine, die nicht abfiel, da sonst einem von uns beiden das ganze Blut in den Kopf gelaufen wäre. Glücklicherweise fanden wir immer etwas. Dann hieß es für Henning wieder eine Zuschauerrolle einnehmen und ich baute das Zelt auf und kochte noch etwas zu Abend.

So oder so ähnlich verliefen all unsere Tage in Italien. Wobei sich das Ganze so leicht liest. Tatsächlich war es eine einzige Katastrophe. Allein schon die Temperaturen setzten einem extrem zu. Dadurch bedingt war auch das Schlafen ein Problem. Denn bei nächtlichen 28°C schläft man ohnehin schon schlecht. Im Zelt allerdings noch schlechter. Richtig schlecht schläft man aber dann erst, wenn man sich bei der Hitze im Zelt noch eine Atemschutzmaske aufzieht. Und auch das Ausschlafen klappt nicht wirklich, da man nicht wach wird, weil man tatsächlich ausgeruht und ausgeschlafen ist, sondern weil die Sonne die Temperaturen im Zelt schon um 7 Uhr über 35°C steigen lässt. Hinzu kam meine Sorge um Henning, weil körperliche Anstrengung schlichtweg ungesund oder gar gefährlich ist, wenn man krank ist. Mehrfach drehte ich um, wenn ich ihn im Rückspiegel nicht kurz nach mir aus der Kurve auftauchen sah. Nur ein einziges Mal gab Henning nach und wir sprangen eine einzige Station mit dem Zug, um nicht über einen Pass zu müssen, der auf 5 km knappe 600 Höhenmeter mit sich gebracht hätte. Und auch für mich war es anstrengend, da nun alles, was wir sonst auf zwei Leute aufteilen, von mir geschafft werden musste. Dazu zählten Sachen wie das Zelt auf- und abbauen und kochen, aber auch so banale Sachen wie einkaufen, Wasser holen oder Leute nach etwas fragen. Zudem war es für den Kopf ungemein anstrengend immer auf ausreichend Abstand zu achten. Wenn der Wind drehte, setze ich mich sogar um, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Und vor allem: Wenn man krank ist, möchte man auch mal in den Arm genommen werden. Dieser zweiwöchige extreme Abstand ging uns nervlich wirklich an die Substanz.

Italien genießen konnten wir überhaupt nicht, vor allem auch, da wir jegliche Kontake mieden, was bei uns sonst immer sehr viel von der Reise ausmacht. Und wir hatten auch keinen Kopf für die Schönheit der Landschaft. Stattdessen versuchten wir so gut es ging unseren Alltag zu managen. Am Ende scheint es vielleicht sogar geklappt zu haben, dass ich mich nicht anstecke. Das ist zumindest das, was sämtliche Tests sagten. Wobei wir uns nicht sicher sind, ob ich nicht vielleicht sogar Henning angesteckt haben könnte. Ich hatte mich nämlich schon zwei Tage bevor wir Spanien verließen ziemlich abgeschlagen gefühlt und auf der Überfahrt mit der Fähre extreme Kopfschmerzen bekommen. Von diesem Tag an hatte ich neun Tage lang jeden Tag durchgehend Kopfschmerzen und war ziemlich müde. So hatte ich auch immer auf meine SARS-CoV-2-Impfungen reagiert. Letztlich kann man all das aber nicht genau sagen, da selbst wenn ich positiv war, die Viruslast so gering war, dass der Test stets negativ blieb. Und auch wo wir uns angesteckt haben könnten, ist fast unmöglich zu sagen. Wir haben zwar, und tun es noch immer, sehr darauf geachtet, dass wir beim Einkaufen usw. Masken tragen und Abstand halten, aber manchmal geht es doch schneller als man meinen mag.

Am Ende bleiben aber zwei Sachen, über die wir sehr glücklich sind. Zum einen, dass Henning alles gut überstanden hat und sein Geschmackssinn vollständig zurück ist, und das obwohl er keine vernünftige Pause gemacht hat und, dass ich mich zumindest nicht bei ihm angesteckt habe und wir am Ende doch noch meine Schwester und Familie besuchen konnten. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

3 Gedanken zu “Unterwegs mit Corona

  1. Hallo Mäuschen mein Schatz,
    sehr eindrucksvoll geschrieben und trotzdem glaube ich nicht, dass wirklich jemand nachvollziehen kann wie es euch mit der Corona-Erkrankung von Henning ergangen ist, Gott sei Dank alles ohne bleibende Schäden überstanden.
    Habe dich ganz dolle lieb Mama
    Mit freundlichen Grüßen
    ppa. Margit Oberkandler
    Fa. Karl Koßmann
    Gutenbergstr. 20 • 58300 Wetter
    Tel.: +49 (0)2335-60206 • Fax: +49 (0)2335-60882
    moberkandler@karlkossmann.de
    http://www.karlkossmann.de
    UST. Id – Nr. DE195211210 • St.Nr. 348/5104/0901

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