Wildes Bosnien und Herzegowina

Teil 1 – Wilde Landschaft und wunderschöne Natur

Bosnien und Herzegowina war für uns unser erstes aufregendes Land. Das lag vor allen Dingen daran, dass wir nicht nur noch nie hier gewesen waren, sondern auch tatsächlich so ziemlich gar nichts über dieses Land wussten, außer dass es dort innerhalb von Europa die meisten Mienen gab. Wir verstanden nicht mal, wo denn eigentlich Bosnien und wo Herzegowina war. Meist beschäftigen wir uns im Voraus nicht sonderlich mit einem Land, wir schauen höchstens, was man sich ggf. anschauen kann, aber selbst hier holen wir uns lieber Tipps von den Landsleuten. Das Gleiche gilt für das, was wir über das Land erfahren. Wir machen uns nicht aus Ignoranz vorher nicht schlau, sondern weil wir gerne unvoreingenommen und mit offenen Augen und einem wachen Verstand das Land erleben und aufnehmen wollen. Meist fallen einem dann schon innerhalb der ersten Tage viele Dinge auf, die man nicht so recht versteht oder die einfach anders sind als man es von zu Hause gewohnt ist. Nach eben diesen Dingen fragen wir dann, wenn wir Leute kennenlernen und so haben sich schon zahlreiche interessante Gespräche ergeben, in denen wir viel lernen konnten.

Bosnien und Herzegowina zu erreichen, war für uns schon eine regelrechte Herausforderung. Wir mussten etwas mehr als 900 Höhenmeter am Stück auf knapp 20 km bergauf fahren. Das wäre ja noch ok gewesen, aber schon seit Tagen pfiff die Bora (starke Fallwinde in Kroatien) uns von den Bergen entgegen, immer mitten ins Gesicht. Und an diesem Tag als wir Kroatien verlassen und in unser 8. Land einreisen wollten, war es nicht anders. Der Wind war wirklich das Schlimmste an der Sache. Vor allem da er auch noch in starken Böen ging, kamen wir überhaupt nicht in eine angenehme Trittfrequenz. Wir schafften es irgendwann kaum noch über 6 km/h hinaus und Henning stieg schließlich entnervt ab und begann zu schieben, da er damit genauso schnell war. Ich trat tapfer weiter in die Pedale, was mehr mit Ehrgeiz als mit Sinnhaftigkeit zu tun hatte.

Kurz vor dem Scheitelpunkt erreichten wir die Grenzstation und erhielten auf dieser Reise unseren ersten Stempel. Ein komisches Gefühl für uns, da wir in der EU und damit im Grunde ohne Grenzen groß geworden waren. Nach über drei Stunden erreichten wir endlich ziemlich erschöpft und vom Wind komplett zerzaust den höchsten Punkt. Dort konnten wir sofort feststellen, dass sich der Aufwärtskampf gelohnt hatte. Uns bot sich ein wunderschöner Anblick und vor allem erstaunte uns, dass sich die Landschaft so rapide geändert hatte. Normalerweise fällt einem abgesehen vom Grenzschild kaum auf, dass man ein neues Land erreicht hat. Denn der Natur ist es herzlich egal, ob sich das Land grade Luxemburg oder Belgien, Spanien oder Portugal schimpft, die Landschaft bleibt erst einmal unverändert. Aber nicht in diesem Fall. Vermutlich lag das an der hohen Bergkette, über die wir gefahren waren. Waren wir in Kroatien noch bei knapp 39°C in ziemlich trockener und eher karger Landschaft unterwegs gewesen, war plötzlich alles grün und voller üppiger Laubbäume und bei den vorherrschenden 19°C zogen wir uns erst einmal dicke Jacken an.

Und all das, was wir in diesen ersten Momenten an Eindrücken bzgl. der Natur erlebten, würde sich die nächsten Tage noch intensivieren. Nun fuhren wir aber zunächst rasant und in engen Serpentinen vorbei an Wildpferden bergab. (Bosnien hat die größte Herde von Wildpferden in Europa.) Unten fuhren wir durch eine Ebene, die so platt zwischen den Bergen ringsherum lag, dass wir uns fragten, wie es möglich war, dass hier nicht ein Hügel in der Ebene zu sehen war. Wir fühlten uns fast an zu Hause erinnert, was nah an der holländischen Grenze liegt. Am Supermarkt lernten wir das Nächste kennen, was für uns Bosnien und Herzegowina prägt: die Menschen. Wir hatten den Supermarkt nicht nur wegen der Möglichkeit Essen zu kaufen angesteuert, sondern auch um uns SIM-Karten für unsere Handys zu besorgen. Da Bosnien kein Teil der EU ist, würde es andernfalls teuer werden. Allerdings stand ich irgendwann recht verloren in der Post neben dem Supermarkt, da die Mitarbeiterin mich nicht verstand und umgekehrt. Ich hatte aber mitbekommen, dass ein Mann etwas weiter hinten in der Schlange durchaus Deutsch sprach und fragte ihn kurzerhand, ob er mir behilflich sein könnte. Das war er sehr gerne und sagte, dass er nur kurz etwas einkaufen würde und uns dann beim Installieren helfen würde. Als ich jedoch mit den Karten rauskam, wartete Henning dort ebenfalls schon mit einigen Leuten, die ihn alle wegen der Fahrräder angesprochen hatten und die uns gerne eine Hilfe sein wollten. Es artete in einem regelrechten Chaos an Hilfsbereitschaft aus, in dem wir schließlich erfolgreich unsere neuen Karten in Betrieb nahmen. Dankbar verabschiedeten wir uns und ich ging endlich in den Supermarkt, um uns etwas zu Essen zu kaufen. Als ich wieder herauskam, wartete Henning schon mit den nächsten beiden Leuten auf mich. Mutter und Tochter. Die Tochter übersetzte von Englisch auf Bosnisch und die Mutter war so aufgeregt uns mit den Fahrrädern zu sehen und von unserem Vorhaben zu hören, dass sie zu zittern anfing und uns unbedingt die Hand schütteln, uns anfassen und uns zu etwas zu Essen oder zu Trinken einladen wollte. Wir waren von all diesen neuen Eindrücken, von dem anstrengenden Tag und der Situation allerdings so überfordert, dass wir tatsächlich zum ersten Mal ablehnten, auch wenn wir sehr dankbar für das Angebot waren. Aber für heute brauchten wir Ruhe, um diesen ersten Tag verarbeiten zu können und für die ganzen Eindrücke, die hier noch kommen würden, gewappnet zu sein.

Ein ruhiger erster Abend in Bosnien. Nur eine Herde Schafe schaut vorbei.

Wie sich an den kommenden Tagen zeigte, war das auch gut so. Was Bosniens Landschaft nämlich prägt, sind die Berge. Wir hatten uns eine ungefähre Route zurechtgelegt, um an verschiedenen Stellen vorbeizufahren, die uns empfohlen worden waren und die wir uns anschauen wollten. Und wie sich zeigte, ging es mindestens einmal am Tag über einen Berg, was minimal 800 Höhenmeter pro Tag bedeutete. Es gab aber auch keine Alternative. In Bosnien liegt zwischen Dir und Deinem Ziel eigentlich immer ein Berg, wenn nicht sogar zwei. Das ist zwar anstrengend, aber hat auch den Vorteil, dass man grade bergauf viel Zeit hat sich umzuschauen und viele Details entdeckt, die einem sonst vielleicht entgangen wären. Und wenn man endlich oben angekommen ist, kann man die fantastische Aussicht genießen. Zudem hatten wir die ersten Tage Glück und fuhren auf einer kaum befahrenen Straße, die dafür oder grade deswegen in tadellosem Zustand war. Und so genossen wir die Ruhe und die Landschaft, die sich in imposanten Bergen, saftig grünen, dichten Wäldern und vereinzelten Häusern präsentierte und in der immer wieder mit Schildern vor Wildpferden gewarnt wurde. Allerdings tatsächlich auch vor den Mienen.

Es soll hier jedoch jetzt nicht der Eindruck entstehen, dass man auf Schritt und Tritt aufpassen muss, dass man nicht versehentlich eine Springmiene oder ähnliches auslöst. Immer wenn im Vorfeld meine Phantasie mit mir durchgegangen war, hatte ich mir das nämlich genau so vorgestellt. Einfach weil die Tatsache, dass überhaupt einfach noch so Mienen herumliegen für mich vollkommen abstrus war. Tatsächlich ist es aber natürlich so, dass die Menschen hier in Bosnien und Herzegowina vollkommen normal leben und sich auch fast vollkommen normal bewegen. Der Großteil des Landes ist geräumt, grade die Teile in denen Landwirtschaft betrieben wird. Lediglich sehr schwer zugängliche Stellen sind nicht komplett geräumt, da man zum Teil nicht mehr weiß, wo genau die Mienen positioniert worden waren und zum anderen, weil die Natur alles überwuchert hat. Für uns bedeutete das beim Wildcampen also lediglich, dass wir nicht erst 500 m quer durchs Unterholz latschten, um dann in irgendeinem Dickicht unser Zelt aufzubauen, sondern uns an abgemähte Felder oder Wiesen hielten oder an Bereiche, wo offensichtlich war, dass hier hin und wieder Fahrzeuge durchkamen. Im Grunde also alles wie immer, nur dass wir uns aus dem Wald raushielten und von Zeit zu Zeit an einem Warnschild vorbeikamen.

Die kommenden Tage fuhren wir die Route entlang zu den Punkten, die wir uns im Vorfeld ausgeschaut hatten, um diese zu besuchen. Wichtig ist für uns hierbei immer, dass wir nicht nur wegen dieses einen Punktes, dieser einen Sehenswürdigkeit irgendwo hinfahren. Es geht um den Weg, auf dem man bereits sehr viel mehr vom Land erlebt und sieht, als es durch diese eine besondere Sache der Fall ist. Diese Sichtweise ist vor allem dann hilfreich, wenn man irgendwo ankommt und dann plötzlich enttäuscht ist. So ging es uns beispielsweise als wir den Wasserfall in Jajce erreichten. Nachdem alle hiervon so geschwärmt hatten, hatten wir offenbar etwas anderes erwartet. Vielleicht hatten wir in der Vergangenheit einfach schon zu viele Wasserfälle gesehen oder es lag daran, dass man sogar Eintritt zahlen sollte, um an den Fuß des Wasserfalls zu kommen, aber uns haute es nicht aus den Latschen. Das war aber nicht weiter tragisch, denn der Weg dorthin war es schon wert gewesen, dass wir die Strecke gefahren waren, da die Landschaft, die Berge und Wälder so sehenswert waren.

Bosnien hat allerdings nicht ohne Grund eine so wunderschöne und vor allem grüne Natur. Zum einen liegt dies daran, dass Firmen und die Industrie im Krieg weg- oder kaputt gegangen waren und danach nicht zurückkamen, sodass es hier kaum Verschmutzung gibt (Bosnien hat drei Flüsse, die zu den saubersten in Europa zählen) und zum anderen, weil in Bosnien grade einmal so viele Leute leben, wie allein in der Stadt Berlin. Aber vor allem liegt grade das Grün der Natur trotz der Temperaturen in den Sommermonaten daran, dass es viel regnet. Nicht ohne Grund gibt es in diesem Land sogar einen Regenwald. Und dieser häufige Regen sorgte dafür, dass wir so richtig in den Genuss der hiesigen Gastfreundschaft kamen. Aber da uns diese so beeindruckt hat, ist sie es wert in einer eignen Geschichte erzählt zu werden.

Die Sonne vertreibt die letzten Wolken.

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