Schwarze Berge

Montenegro

Montenegro heißt wörtlich übersetzt „schwarze Berge“. Daher konnten wir, obwohl wir beide zuvor noch nie dort gewesen waren, erahnen, wie die Landschaft aussehen würde. Trotzdem hatte keiner von uns mit einer so imposanten Natur gerechnet.

Schon der erste Tag war für uns schlichtweg beeindruckend. Wir waren von Sarajevo (Bosnien) aus nach Montenegro gefahren, weshalb es für uns irgendwann nur noch eine Straße zur Auswahl gab. Die Berge links und rechts davon wurden immer höher und der Fluss unterhalb der Straße immer lauter. Nachdem wir die Grenze zu Montenegro passiert hatten, brauchte es noch einen Anstieg und plötzlich tat sich vor uns der Piva Canyon auf. Die Berge links und rechts waren ein einziges Meer aus Grün, hier und da von Felsen durchbrochen. Unten rauschte der türkisblaue Fluss, der Piva, welcher dem Canyon seinen Namen gibt. Das Schöne war zusätzlich zur Landschaft, dass fast kein Verkehr herrschte. Denn obwohl Sommer und Hauptreisezeit war, überholten uns nur hin und wieder Autos. Dies lag vermutlich vor allem daran, dass unweit vom Piva Canyon der berühmte Tara Canyon zu finden ist. Dabei handelt es sich um den zweit tiefsten Canyon der Welt und ist daher für viele Touristen die Hauptanlaufstelle. Glück für uns, denn so konnten wir unsere Fahrt ohne Verkehr genießen. Außerdem zeigte sich auch einmal mehr, wie praktisch Fahrräder waren, denn wir konnten jederzeit anhalten, um Fotos zu machen und die Aussicht zu genießen ohne dabei die Straße zu blockieren oder uns beeilen zu müssen. Lediglich die Zeltplatzsuche gestaltete sich gegen Abend reichlich schwierig, denn die Straße war in den Berghang gebaut und führte auch immer wieder durch Tunnel, was zur Folge hatte, dass es auf der einen Seite der Straße steil berghoch und auf der anderen Seite zum Fluss steil bergab ging. Absolut kein Platz für ein Zelt. Gegen Abend kamen wir nach 40 km ohne Ortschaft oder ähnliches in ein kleines Dorf. Da es sich hierbei aber um die einzige Ortschaft weit und breit handelte, gab es entsprechend viele Appartements, wo die Besucher bleiben konnten. Für uns blieb die Suche nach einem Platz zum Wildcampen am steilen Hang und bei der Bebauungsdichte erfolglos. Schließlich suchten wir uns ein Motocamp, handelten den Inhaber noch mit dem Preis so weit runter, wie möglich und bauten im Dunkeln unser Zelt auf.

Am nächsten Morgen standen wir zeitig auf und frühstückten ordentlich, denn für heute stand eine ziemliche Herausforderung auf dem Plan. Wir wollten die Panoramastraße im Durmitor Nationalpark fahren. Das bedeutete allerdings, dass wir auf den ersten 30 km knappe 1.700 positive Höhenmeter bezwingen mussten. So viel wie noch nie. Nach knapp zwei Kilometern ging es los. Die Ketten flogen in den ersten Gang, den wir in den nächsten viereinhalb Stunden beinahe dauerhaft beanspruchen würden. Die ersten zehn Kilometer waren die härtesten. Bei kurzen Stücken mit einer Steigung an die 25 % mussten wir uns im ersten Gang mit vollem Gewicht auf die Pedalen stellen, um die Fahrräder überhaupt bergauf bewegen zu können. Wir schwitzten, unser Puls raste. Aber schon nach wenigen hundert Höhenmetern hatten wir eine grandiose Aussicht. Wir schraubten uns immer weiter den Hang des Piva Canyon hinauf und hatten einen fantastischen Blick auf den unten liegenden Fluss. Irgendwann fuhren wir in ein kurzes Waldstück, in dem es etwas weniger steil wurde und als wir wieder daraus hervorkamen, hatte sich die Landschaft komplett verändert. Es tat sich eine Berglandschaft mit kurzem Gras, winzigen kleinen Häusern, großen Silagehaufen und absoluter Stille auf. Wir suchten uns hier eine windgeschützte Stelle, stärkten und mit Nüssen und Datteln, Henning machte einen kurzen Powernap und anschließend ging es weiter.

Glücklicherweise weniger steil als bisher. Auch, wenn es wirklich unglaublich anstrengend war und uns der Anstieg fast alles abverlangte, genossen wir diese Fahrt sehr. Dadurch, dass wir so langsam waren, hatten wir jede Menge Zeit uns in Ruhe umzuschauen, den anderen auf kleine Dinge aufmerksam zu machen und alles in uns aufzunehmen. Zudem hatten wir immer wieder Unterbrechungen, weil wir ein Foto machten oder Wildpferden beim Trinken und Baden zuschauen. Daher war es ab unserer kleinen Pause viel mehr ein Genuss als harte Arbeit, auch wenn die Beine das etwas anders sahen. Wir betrachteten die verstreuten, einsamen Häuser hier oben, vor denen Hühner, ein, zwei Kühe, sowie Schafe oder Ziegen herumliefen und zur Selbstversorgung zu dienen schienen. Zwischendurch sahen wir immer wieder handgeschriebene Schilder, auf denen „cyr“ (Käse) zu lesen war. Offenbar verkauften die Leute das, was sie selber nicht benötigten. Bereits jetzt war es hier oben sehr kühl und wir hatten Ende August, im Winter muss hier eisige Kälte herrschen. Mit Blick auf den Prutas Berg machten wir erneut Pause. Wegen des Gewichtes hatten wir nur ein trockenes Weißbrot mitgenommen, aber etwas anderes es hätte uns kaum besser schmecken können. Bei einer solchen Aussicht braucht es nicht viel um zufrieden zu sein. Von Prutas aus liegen nur noch zwei Anstiege vor uns. Ein etwas Kleinerer, dann geht es ein ganzes Stück wieder runter, um anschließend zum Scheitelpunkt noch ein letztes Mal ordentlich nach oben zu führen. Und dann…

Wow! Wir hatten es geschafft!
Hätte uns jemand am Anfang unserer Reise gesagt, dass wir nach einem knappen halben Jahr 1.700 Höhenmeter auf nur 30 km bergauf fahren würden, hätten wir vermutlich hysterisch angefangen zu lachen, um uns anschließend weinend in Embryonalhaltung auf den Boden zu legen und nach unseren Mamas zu rufen. Wir kommen unweit der holländischen Grenze weg, wo schon eine Erhebung von knappen 15 m als „Böser Berg“ bezeichnet wird. Pfannkuchenlandschaft. So etwas hätten wir uns schlichtweg nicht zugetraut. Und trotzdem ging es. Aber wie?

Das fragten uns auf dem Weg nach oben und am Gipfel auch einige Leute, die uns unterwegs überholt und gesehen hatten, wie wir uns Stück für Stück nach oben kämpften. Und das ist eigentlich auch schon der Zauber: Stück für Stück. Man muss sich das ganze im Kopf einteilen, sonst erschlägt einen die Vorstellung so viel auf einmal bergauf zu fahren.

Inzwischen ist es sogar so, dass wir lieber in den Bergen unterwegs sind als im flachen Land. Natürlich ist das deutlich anstrengender, man kommt nicht so weit und man benötigt deutlich mehr Pausen und Ruhetage. Aber man hat viel mehr zu schauen. Und dieses Schauen lenkt unglaublich gut ab. Man ist so langsam, dass man viele Details entdeckt, die einem anders entgangen wären. Man kann alles richtig in sich aufnehmen und in Gedanken abspeichern. Abgesehen davon ist das Gefühl, wenn man nach stundenlangem berghoch endlich den Gipfel erreicht hat, atemberaubend. In dem Moment durchfluten uns immer eine Welle aus Stolz und erschöpfter Zufriedenheit. Wir hatten es geschafft und zwar mit unserer eigenen Muskelkraft. Man erfährt die Landschaft eines Landes im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem Auto fährt man mal eben einen steilen Anstieg hoch, auch 20 % Steigung. Bei dieser denkt man sich vielleicht zwischendurch „mein armes Auto“, aber plötzlich ist man oben. Mit dem Fahrrad merkt man jeden Hügel, sodass es einen klaren unterschied zwischen platter und welliger Landschaft gibt, ganz zu schweigen von echten Bergen.

Zu guter Letzt ist das Großartige an Bergen aber natürlich auch die Abfahrt. Und nachdem wir uns am höchsten befahrbaren Punkt im Durmitor Nationalpark noch mit einem Serben unterhalten hatten, der mit dem Fahrrad von der anderen Seite her hochgefahren war, machten wir uns an die Abfahrt, da es andernfalls bald schon dunkel werden würde. Und so eine Abfahrt ist eine echte Gaudi. Wir wurden immer schneller und schneller, der Wind peitschte uns ins Gesicht und um die Ohren und wir zogen die Halstücher ein Stück höher. Vor den engen Kurven mussten unsere Bremsen einiges leisten und danach ging es ebenso rasant weiter. Gute 15 km abwärts mit einer Spitzengeschwindigkeit von knapp über 70km/h. Wenn das nicht ein Spaß ist. Nur Gucken kann man dabei nicht ganz so ausgiebig, da man sich ziemlich konzentrieren muss. Leider schafften wir es jedoch uns ausgerechnet zum Tagesende noch in einen Touristenort zu manövrieren. Wir hatten auf der Karte einen See gesehen und gehofft dort unser Zelt aufschlagen zu können, aber das stellte sich als absolute Fehlanzeige heraus. Schließlich fanden wir einen Zeltplatz außerhalb des Ortes neben einem Feld. Es dämmerte bereits und war reichlich kühl. Doch auch als Henning versehentlich unser heißes Wasser zum Kochen umtrat und wir im fast Dunkeln nochmal Neues aufsetzen mussten, konnte das unserer Laune nichts anhaben. Wir hatten einen unglaublichen Tag hinter uns und waren einfach glücklich. Nudelwasser hin oder her.

Am nächsten Tag wachten wir ziemlich gerädert auf und unsere Oberschenkel fühlten sich an, als ob sie platzen wollten, wenn wir sie anspannten. Aus diesem Grund wollten wir es an diesem Tag etwas ruhiger angehen lassen und weniger Kilometer, vor allem aber weniger Höhenmeter fahren. Da hatten wir die Rechnung jedoch ohne Montenegro gemacht. Tatsächlich nahmen wir uns „weniger Höhenmeter“ für jeden Tag in Montenegro vor und es funktionierte nicht ein einziges Mal, denn Montenegro besteht – wie der Name schon sagt – aus Bergen. Hinzukommt, dass viele Straßen sehr einsam und verlassen sind und zwischen Supermärkten schon mal gute 80 km liegen, was wir aufgrund fehlenden Mobilfunknetzes in den Bergen nicht immer auf dem Schirm hatten. Zudem waren 80 km für uns wegen der Höhenmeter auch fast unmöglich.

An einem Tag war es besonders schlimm. Wir hatten morgens bereits jeder nur eine halbe Portion Polenta ohne alles gegessen, da dies das letzte bisschen Essen war, was sich in unseren Taschen fand. Wir befanden uns mitten im Nirgendwo, weshalb es weder einen Supermarkt noch Handyempfang gab. Halb so wild. Immerhin wussten wir, dass es die ersten 11 km mit knapp 550 Höhenmetern bergauf ging. Anschließend ging es bergab und dann würde schon ein Supermarkt auftauchen. Nachdem wir bereits 35 km gefahren waren, hatten wir jedoch noch immer keinen Supermarkt gesehen. Generell kein Haus, sondern nur einsame Natur. Die Berge sahen aus wie gemalt und wogten im satten Grün. Wunderschön. Für uns langsam aber wirklich unpraktisch. Vor allem da uns auch noch das Wasser ausgegangen war. Autos waren auch seit zwei Stunden nicht mehr vorbeigekommen. Als sich irgendwann ein Motorengeräusch näherte, stieg ich ab, stellte mich auf die Straße und stoppte das Auto. Witzigerweise war es eines, das wir bereits im Durmitor Nationalpark mehrfach gesehen hatten und das tschechische Pärchen, welches darin saß, erinnerte sich ebenfalls an uns und füllte unsere Flaschen auf. Dem Himmel sei Dank. Ohne Essen, das war die eine Sache, aber ohne Wasser, eine ganz andere. Wir bedankten uns und fuhren weiter.

Schließlich hatten wir auch wieder an einer großen Kreuzung Empfang mit unseren Handys. War zuvor noch unklar gewesen, in welche Richtung wir eigentlich weiterfahren wollten, stand dies jetzt ganz klar fest. Wir konnten wählen zwischen 21 km und 56 km bis zum nächsten Supermarkt. Wir wählten die 21, was mit nur einem halben Frühstück und bereits 35 km und 600 Höhenmetern in den Beinen weit genug war. Als wir dann sahen, dass die 21 km 750 Höhenmeter mit sich brachten, war ich kurz davor in Tränen auszubrechen. Seit fünf Tagen fuhren wir bereits jeden Tag durchschnittlich über 1.000 positive Höhenmeter auf relativ kurze Distanzen und meine Beine waren müde. Ich war einfach erschöpft. Aber es half nichts und auch Heulen hätte mich dem Supermarkt kein Stück nähergebracht. Also stiegen wir auf unsere Fahrräder und fuhren nochmal für weitere zwei Stunden in der knallen Sonne bergauf. Unterwegs kamen wir an einem Pflaumenbaum vorbei, den wir schamlos plünderten. Wir hatten einfach Hunger. Als wir endlich den höchsten Punkt erreicht hatten, duschte ich mich vor einem Restaurant mit dem Gartenschlauch ab, um ein wenig abzukühlen, Henning tauchte derweil seinen Kopf ins Wasser. Danach konnten wir die restlichen Kilometer zum Glück rollen lassen, wobei wir es trotzdem nicht bis zum Supermarkt schafften. Einen Kilometer vor dem Supermarkt lag eine Tankstelle und wir hielten in stillem Einverständnis an und ich kaufte uns beiden ein Eis. In absoluter Glückseligkeit, einen grenzdebilen Ausdruck im Gesicht, saßen wir vor der Tankstelle auf dem Boden und verspeisten unser Eis. Vermutlich das Leckerste, das wir bisher gegessen hatten.

Trotz dieser Strapazen, welche die Berge von Montenegro für uns bedeuteten, haben wir jeden Kilometer davon genossen. Dieses Land hat eine wunderschöne Natur, die trotz der heutigen Zeit noch immer eine gewisse Wildheit ausstrahlt. Zudem ist es ein nicht sehr dicht besiedeltes Land und der Großteil der Touristen hält sich in Küstennähe auf. Dadurch findet man sich oft stundenlang allein auf einer hervorragenden Straße wieder und kann die Stille und Schönheit genießen. Stille, Ruhe, Abgeschiedenheit und Einsamkeit sind etwas, das für uns in der heutigen Zeit so rar geworden ist, dass wir es fast schon als einzigartig empfanden. Genauso wie dieses beeindruckende Land.

2 Gedanken zu “Schwarze Berge

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